Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so leichten Kaufes davongekommen.

„Nein, Herr Lehrer!“ murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, „die Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!“ Und nachdem er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.

Das Weib

„Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ: lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du schufst das Weib.“

So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf die jugendliche Brust des Jünglings herab.

„Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du kennst das Weib nicht.“

Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl, das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, in eine einzige schmerzliche Klage.

Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger, wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und Gefühlen zu künden.

„Kannst du denn auch lieben, Telekles?“ fragte er ihn mit ruhiger Stimme.

„Ob ich lieben kann!“ fiel der Jüngling rasch ein, „frag’ doch den Zeus, ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern vermag. Frag’ Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine Rede ein Sturm und mein Atem — Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?“