„Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst du, und was war sie zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte — willst du mit deinem verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren Haupte verscheuchen möge.

„Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast: wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen — dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? — Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es — ein Weib; sobald es sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum — Manne. Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen Gefühlen geleitet wird — von dem Wunsche, die Gottheit der Materie einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das unsterbliche Bild des Künstlers fällt, — was sucht es, was ergreift es in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei verwandeln. Raube der Welt das Licht — und die bunte Vielfältigkeit der Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was ist die Liebe? — Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt. Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele, wenn sie in ihr ihren Vater — den ewigen Gott — und ihre Brüder, d. h. Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind, findet — was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.“

Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt — es schien, als ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen entstieg.

Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden Wangen.

Fragmente

Gedichte und poetische Versuche

Sturm

„Warum so trüb?“ — „Einst war ich heiter,“

Sag’ ich zu meiner Lust Genossen.

„Ich hab’ mein Herz dem Schmerz erschlossen;