Als Vladika Peter von der Uebergabe Ragusas benachrichtigt wurde, eilte er sofort mit Montenegrinern und Bokelen den Franzosen entgegen. Mit den Franzosen waren auch die Ragusaner. Am 2. Juni stiessen die Armeen bei Zavtat zusammen. Der Kampf war nicht von langer Dauer, aber desto grösserer Erbitterung. Die Franzosen wurden mit ihren Verbündeten zurückgedrängt unter nicht unbedeutenden Verlusten. Sie liessen auf dem Kampffelde 250 Tote zurück und flüchteten sich in die Stadt Zavtat, wo sie sich einschlossen. Die Montenegriner und Bokelen hatten neun und die Russen einen Toten.

Die drei folgenden Tage setzte sich der Kampf fort. Der Vladika bekam von den Russen einige Verstärkung. Nach dem ersten Kampf aber verliessen die Franzosen nachts Zavtat und liessen vier Kanonen zurück. Der russische Major Sabjelin besetzte Zavtat. Die Montenegriner und Bokelen verfolgten den Feind auf dem Rückzug. Diesen Rückzug führten die Franzosen in bester Ordnung, aber langsam und mühsam aus, denn auf jedem Schritt mussten sie sich vor kühnen feindlichen Angriffen wehren. Als sie in die Nähe von Ragusa kamen, bemächtigten sie sich des Berges Brgat und fingen an, sich auf demselben zu befestigen.

Dieser Rückzug aber von Zavtat bis nach Brgat kam den Franzosen teuer zu stehen. Sie verloren 300 Mann, unter welchen 8 Offiziere waren. Sehr wichtig war dieser erste Zusammenstoss der verbündeten Slaven mit den Franzosen, wichtig für beide Teile. Die Montenegriner und Bokelen, die so viel von der unbesiegbaren französischen Armee hatten erzählen hören und die nicht so ganz siegesgewiss gegen die Franzosen in den Streit gezogen waren, wurden durch diese ersten Zusammenstösse sehr ermuntert und kampfesfreudig. Sie sahen ein, dass die französische Armee nicht unbesiegbar war. Sie dehnten die Bedeutung ihres Sieges aus und meinten, dieser Sieg sei ein Sieg über Napoleon. Diese Meinung tat der Grösse von Napoleons Ruhm natürlich keinen Abbruch, war aber anderseits geeignet, die Zuversicht ihrer Träger zu verstärken.

Die Franzosen lernten jetzt zum ersten Male Mut und Kriegsführung eines von ihnen so weit entlegenen und bis dahin unbekannten Volkes kennen. Das erste Begegnen mit diesem Volke machte auf sie einen unerwarteten Eindruck. Sie hofften keineswegs bei einem so kleinen Volke so viele Widerstandskraft finden zu können. Sie gingen gegen die Bocca di Cattaro vor mit festem Glauben, dass sie mit einem Schlage alles bis nach Cattaro einnehmen würden. Sie dachten, das ungeübte und ungeschickte Küsten- und Bergvolk könne nicht so gut die Waffen handhaben. Sie hofften diesem Volke sofort Furcht einzuflössen. Sie täuschten sich in allen Stücken. Sie bewunderten zuerst den Kriegsmut und die verwegene Unerschrockenheit dieses einfachen Volkes. Ja, diese Bewunderung steigerte sich fast zur Furcht: Dieses Volk flösste den Franzosen Schrecken ein, erstens einmal durch seinen Mut und dann durch seine unbarmherzige und furchtbare Behandlung der Kriegsgefangenen. Gewöhnlich erkannten die Montenegriner keine Kriegsgefangenen an und liessen feindliche Krieger, die in ihre Hände fielen, wie in den früheren Kämpfen gegen die Türken—enthaupten. Dieses Verfahren war abscheulich in den Augen der feinfühlenden Franzosen. Abscheulich war es in der Tat.

General Lauriston musste also von nun an die Sache viel ernster nehmen. Ein ungefähres Bild von bevorstehenden harten Kämpfen vermochte er schon nach dieser ersten bösen Erfahrung zu entwerfen.

5. Der Kampf auf dem Berg Brgat.

Mit fieberhafter Eile befestigte nun General Lauriston sein Lager auf dem steilen und uneinnehmbaren Berge Brgat. Dieser Gipfel beherrschte vollständig Ragusa nebst der ganzen Umgebung, wie auch den Hafen Gravosa. Von keiner Seite konnte das französische Heer überrascht werden. Die Linie vom Meer bis zur türkischen Grenze hatten die Franzosen besetzt. Diese Linie war sehr gut. Weil sie kurz war, konnte sie desto besser und stärker befestigt werden. Der rechte Flügel der Armee erstreckte sich bis zum Meer und der linke bis zur herzegovinischen Grenze, welche von der verbündeten Armee nicht überschritten werden durfte. Von hinten konnten die Franzosen keineswegs angegriffen werden; ebenso nicht von rechts und links. Und vor ihnen befanden sich steile und unzugängliche Abhänge. Günstigere Lage konnte man sich nicht denken.

Während dieser ganzen Zeit weilte Admiral Senjavin mit der Flotte in Triest. Erst nach dem Kampf von Zavtat erhielt er die Kunde, dass die Franzosen ihm zuvorgekommen seien und Ragusa bereits eingenommen hätten. Rasch kehrte er nach Cattaro zurück, von dort zog er dann weiter und traf am 12. Juni vor Ragusa ein.

Sofort suchte Senjavin den Vladika auf, um sich über den Stand der Dinge zu erkundigen. Die Montenegriner hatten sich nämlich nicht von den Franzosen abgekehrt; sie nahmen vielmehr Aufstellung am südöstlichen Fusse des Brgat, wohin sich der Feind zurückgezogen hatte. Mit ihnen waren auch die Russen, etwa 1200 Mann, unter dem Major Sabjelin. Die Zahl der Montenegriner samt den Bokelen belief sich auf 3500 Mann. Vladika Peter war der Meinung, man müsse den Feind so schnell wie möglich angreifen, bevor er seine Befestigung beendet und Verstärkung aus dem Norden erhalten hätte. Der Admiral war damit einverstanden. Der Angriff sollte schon am nächsten Tage ausgeführt werden. Den Oberbefehl über das reguläre russische Heer übernahm Fürst Vjasemski, der gerade von Korfu gekommen war.

Am 17. Juni in aller Frühe entsandte der Vladika eine Abteilung Montenegriner, damit sie sich, wenn möglich, wenigstens des vordersten französischen Postens bemächtige. Der Feind war nämlich in vier Gefechtsabteilungen gegliedert. Die Montenegriner stürzten leidenschaftlich auf den ersten Posten los, zersprengten ihn und drangen sofort gegen den zweiten vor. Die Franzosen wollten sie offenbar etwas mehr in ihre unmittelbare Nähe locken. Vladika und Vjasemski sahen ein, dass die Lage dieser tapferen Abteilung jetzt sehr gefährlich, fast verzweifelt war. Sie sandten derselben einen Trupp Jäger zu Hilfe. Diese gerieten aber bald in dieselbe gefährliche Lage. Ein türkischer Offizier benachrichtigte den Vladika von dem Nahen einer Verstärkung für die Franzosen. Die Verbündeten sahen, dass sie keine Stunde mehr säumen dürften. Blitzartig bestieg Vladika den eroberten Posten. Die vorgerückten Montenegriner sahen ihren Vladika ihnen zu Hilfe kommen und fassten neuen Mut.[29] Der linke Flügel wurde angegriffen. Lauriston erwartete keineswegs den Angriff von dieser Seite. Er rückte seine Truppen nach links. Französische Batterien feuerten unaufhörlich. Nur ein Schritt zurück hätte für die Slaven Vernichtung bedeutet. Sie mussten also vorwärtsklettern. An einen Rückzug konnte man nicht im geringsten denken. Die Situation war also für die Slaven äusserst schwierig. Inzwischen aber erschien das übrige russische reguläre Heer auf dem Berg. Ein donnerndes «Hurra» erscholl hinter den Montenegrinern und Bokelen. Die Franzosen waren überrascht und erstaunt, doch nicht verworren. In guter Ordnung kämpften sie immer noch tapfer. Mit Schrecken aber sahen sie, wie das unreguläre Heer tollkühn ihrer Festung nahte. Es dauerte nicht lange, und sie erblickten es in unmittelbarer Nähe ihrer Schanze. Nur einen Augenblick zögerten die Montenegriner, bis sich das ganze verbündete Heer gesammelt hatte; dann aber wurde mit einem Schlag die französische Redoute, die mit 10 Kanonen bewaffnet war, erstürmt.[30] Die Franzosen zogen sich zurück und liessen ihre drei Positionen im Stich. Es blieb ihnen nur noch eine vierte am Fusse des Berges, gerade oberhalb von Ragusa. Unterdessen vereinigte sich mit ihnen die gerade angekommene Verstärkungstruppe. Daher fassten sie allen Mut zusammen und griffen die Slaven an, wurden aber wieder bis zu ihrer vierten Position zurückgeschlagen, wo sie haltmachten, doch ohne jede Hoffnung verloren zu haben. Nicht mehr als eine Viertelstunde vermochten sie von da aus Widerstand zu leisten. Die vierte Position wurde erstürmt, die Franzosen auseinandergetrieben. Ungeordnet und verwirrt flohen sie der Stadt zu. Viele Montenegriner kamen ihnen zuvor und legten sich an der Strasse in den Hinterhalt, um ihnen den Einzug in die Stadt zu verwehren. Unter zahlreichen Verlusten bemächtigten sich die Franzosen dennoch gegen 7 Uhr abends Ragusas.