Die Unterhandlungen stockten. Der Vladika sandte einen Deputierten zu Bonaparte. Talleyrand empfing denselben freundlich, gab ihm aber keine entschiedene und klare Antwort, wie Peter erwartet hatte. Warum Bonaparte die Sache in die Länge zog, ist nicht sicher. Es war ein Moment der Spannung zwischen Montenegro und Russland. Er hatte die beste Gelegenheit, diesen Moment auszunützen. Das hatte er angefangen, aber nicht bis zum Ende durchgeführt. Sei dem wie es wolle, sicher aber ist, dass der Vladika, dem sich Bonaparte verschloss, von nun an die Franzosen als Feinde ansah und schon mit der Möglichkeit eines Zusammenstosses mit denselben in der Bocca rechnete.[25]

Auch zu Oesterreich hatte Vladika Peter keine klaren und ungetrübten Beziehungen. Seitdem er mit Mahmut-pascha fertig war, und seitdem Oesterreich die Bocca okkupiert hatte, gab es oft Grenzkonflikte zwischen Montenegrinern und Oesterreichern. Denn nachdem der Vladika sein Land vor den Türken gesichert hatte, richtete er sein Augenmerk ausschliesslich auf die Bocca. Die Bocca zu befreien und mit Montenegro zu vereinigen, war sein einziges Streben. Nur angesichts dieses Ideals ist verständlich, warum er Beziehungen mit Bonaparte mit Eifer unterhielt und warum er es zu Grenzkonflikten mit den Oesterreichern kommen liess. Den österreichischen Verwalter Dalmatiens, Bardy, kostete es viel Geschick und Mühe, den Ausbruch eines Krieges mit Montenegro zu verhindern oder zu verschieben.

So war am Anfang des Jahres 1805 für Russland immer noch die Möglichkeit gegeben, seine Beziehungen zu Montenegro wieder herzustellen. Alexander liess auch diesen Augenblick nicht unbenutzt. Bald nach der Versöhnungsmission Masurevskis nach Cetinje traf in der Hauptstadt Montenegros im März 1805 ein Gesandter aus Petersburg ein, der Staatsrat Stephan Sankovski, dessen Namen wir bereits erwähnt haben. Alexander eröffnete den Plan, Napoleon zu bekriegen und «Europa zu befreien». Er sandte Sankovski nach Cetinje, um Montenegro für die eventuelle Aktion für sich zu gewinnen.[26] Sankovskis besondere Mission bestand natürlich darin, den Vladika günstig gegen Russland zu stimmen. Sankovski brachte 3000 Dukaten mit sich, eine Summe, welche seit 1802 an Montenegro nicht bezahlt worden war.[27] In einem Schreiben, das Alexander an das Volk in Montenegro richtete, hiess es: «Immer bereit, euch Unsere Gunst zu bezeugen, haben Wir eurem Wunsche in bezug auf den Metropoliten gerne Folge geleistet, indem Wir demselben Bischof Unser kaiserliches Wohlwollen wieder geschenkt haben. Wir sind im übrigen überzeugt, dass Wir weder wegen seines Betragens noch dessen aller uns lieben Mitglieder des montenegrinischen Staatsrates nicht nur nicht irgend einen Anlass zum Verdacht oder zur Unzufriedenheit finden, sondern im Gegenteil, dass Wir immer in ihnen würdige Nachfolger jener Montenegriner erkennen werden, die Unseren Vorgängern die Beweise unverbrüchlicher Anhänglichkeit und Ergebenheit dem russischen Reich gegeben haben.»[28]

Die Mission Sankovskis war eine lange und schwierige, denn die Verstimmung des Vladika gegen Russland war gross. Seine Mission wurde aber erleichtert durch die Entwicklung der Ereignisse. Als die bokelische Deputation nach Cetinje kam, um um Hilfe zu bitten, war Sankovski seinem Ziele nahe. Der Vladika liebte die Bocca und die Bokelen und wollte ihnen nach besten Kräften helfen. Franzosen und Oesterreicher waren seine Feinde, also musste er nolens-volens wieder den Russen sich anschliessen.


II.

Die Kämpfe bis zu Oubrils Vertrag.

4. Ragusas Uebergabe und der Kampf bei Zavtat.

Bald nachdem die Städte der Bocca den Bokelen übergeben worden waren und nachdem Montenegriner und Bokelen mit den Russen im Kloster Savina am 6. März ein grosses Nationalfest veranstaltet hatten, tauchten neue Schwierigkeiten auf. Noch am 7. März verbreitete sich im slavischen Lager bei Castelnuovo das Gerücht von dem Beschluss des ragusanischen Senats, dass Ragusa den Franzosen den Zugang nach der Bocca gestatten und ihnen sogar nötigenfalls seine Schiffe zum Heerestransport von Ston nach Ragusa anerbieten werde. Obwohl man noch keine sichere Nachricht darüber hatte, segelte Kapitän Belli nach Ston, um jeder Eventualität vorzubeugen. Der Vladika entsandte eine Truppe seiner Montenegriner an die Grenze der Republik Ragusa, um dieselbe zu bedrohen und mindestens zur Neutralität zu zwingen. Das Gerücht zeigte sich als unbegründet. Als Admiral Senjavin zum zweiten Male nach der Bocca kam, entsandte Ragusa einen Senator, um ihn zu begrüssen und ihn um den Schutz der Republik zu bitten. Einmal kam Senjavin selbst nach Ragusa. Der Senat hiess ihn willkommen und schloss mit ihm am 18. Mai den Vertrag des folgenden Wortlautes: «Sobald man hört, dass das französische Heer den Boden der Republik betreten hätte, wird die Stadt Ragusa die russische Garnison aufnehmen, und der Senat die Bürger bewaffnen, damit sie gemeinsam mit dem russischen Heer gegen die Franzosen kämpfen.» Somit glaubte man, die Sache sei endgültig erledigt. Es war aber nicht so. In den Verhandlungen mit Senjavin waren drei Mitglieder des Senats gegen einen solchen Vertrag mit dem russischen Admiral. Sie dachten, die französische Landesmacht in Dalmatien—die sie sich natürlich allzugross vorstellten—könne die Republik besser in Schutz nehmen als die russische Flotte mit der kleinen Zahl der Bokelen und Montenegriner. In nachträglichen Beratungen darüber erklärten auch die übrigen Mitglieder des Senats sich mit den drei Opponenten einverstanden. Sie hielten es also für besser, die Franzosen statt der Russen aufzunehmen. Und so geschah es.

Am 13. Mai fuhr Senjavin nach Triest. Und am folgenden Tage schon überschritt der französische General Lauriston die türkische Grenze; am 15. war er in Ragusa, das er einnahm. Niemand leistete ihm Widerstand. Er kam mit 3000 Soldaten. Nun tat er etwas, was die Ragusaner nicht träumen konnten. Am 16. Mai erliess er eine Proklamation im Namen Napoleons, in welcher es hiess, dass die Unabhängigkeit der Republik aufgehoben sei, und dass ihr dieselbe so lange nicht wiedererstattet werden solle, bis das russische Heer die Bocca und die adriatischen Inseln räumen und die russische Flotte aus der Adria sich entfernen würde. Ragusa musste also seine Freiheit einbüssen wegen der russischen Uebermacht über die Franzosen zur See. Es vermochte an der Situation nichts zu ändern, an der Situation, an welcher es am mindesten Schuld trug. Der nun unverbesserliche Fehler des Senats war, dass er den Russen und seinen übrigen slavischen Volksgenossen gegenüber wortbrüchig wurde. Hätte die Republik am ersten mit Senjavin geschlossenen Bündnis festgehalten, so wäre ihre Unabhängigkeit wahrscheinlich noch für einige Jahre aufrechterhalten und ihr Untergang auf so viele Jahre verschoben worden.