Keineswegs besser war die Situation in Petersburg. Alexander hatte einen Krieg zur Befreiung der Völker von der Macht Napoleons unternommen. Mit unermesslicher Zuversicht und unzähligen Hoffnungen ging er in den Kampf. Der «Austerlitzblick» aber machte ihn zu einem gebrochenen und ratlosen Mann. Ein schrecklicher Wirrwarr herrschte an seinem Hofe und in seinem Kopfe. Mannigfaltige Gährungen, mannigfaltige Richtungen kreuzten sich im Volke wie in den Parteilagern. Jedermann versuchte seine eigene Haltung gleich seiner Vergangenheit zu rechtfertigen. Und jedem gelang es natürlich. An der Niederlage Russlands war also niemand im Lande schuld. Die früheren Ratgeber des Kaisers, die ihm vorher so viel Ruhmvolles von einem Krieg gegen Napoleon vorgespiegelt hatten, schoben jetzt alle Schuld an dem Misserfolg Oesterreich zu. Die altrussische Partei predigte entschieden den Bruch des Bündnisses mit Oesterreich. Man beschuldigte es sogar eines Verrates. Die Leute der Opposition gegen das Regiment Czartoryskis gewannen jetzt grossen Einfluss auf den Kaiser und das Volk. Ihre Parole war nun, Russland solle nur noch die eigenen Vorteile im Auge behalten, seine Verbündeten ihrem Schicksal überlassen und sich nicht mehr zwecklos und sinnlos in einen weiteren Kampf stürzen.

Eine friedliche Stimmung beherrschte ganz und gar die öffentliche Meinung in Russland. Man verdächtigte aber den Zaren, er beschäftige sich auch weiterhin mit Kriegsplänen. Allerlei Beschwerden gegen den Kaiser und insbesondere gegen Czartoryski wurden laut und lauter. Der österreichische Botschafter in Petersburg, Merveldt, teilte sogar dem Wiener Hof mit, dass die tiefgehende Gährung der Gemüter die Möglichkeit eines Thronwechsels bezeugte.[6] Wenn die Friedenspartei schliesslich die Oberhand in Petersburg gewann, so verdankte sie dies auswärtigen Ereignissen; Pitt starb und sein Nachfolger neigte zum Frieden.

Mit Ungeduld wartete man in Wien auf einen Entschluss Russlands, d.h. auf die Antwort in bezug auf die Frage der Bocca di Cattaro. Endlich kam der langersehnte Bescheid. Rasumovski erschien am 26. Mai bei Stadion und teilte ihm mit, Russland sei bereit, Cattaro mit der Bocca herauszugeben. Allein die Räumung Cattaros seitens der Russen sei eine Sache, die nicht sofort erledigt werden könnte. Der russische Agent in Cetinje und in der Bocca habe die Bevölkerung der Bocca stets der russischen Protektion versichert. Diesem Versprechen könne sich Russland jetzt nicht entziehen, ohne den Unwillen seiner slavischen Brüder in dieser Gegend sich zuzuziehen. Die Russen wollten die Bocca den Oesterreichern, und diese könnten sie dann den Franzosen übergeben. Es brauche aber Zeit, bis die Bevölkerung zur ruhigen Hinnahme des unabwendbaren Beschlusses vorbereitet wäre. Also sprach Rasumovski.

Graf Stadion besprach mit dem französischen Gesandten die Sachlage und verlangte Verschiebung der Hafensperre, die Napoleon so dringend forderte. Larochefoucauld gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Er forderte sofortige Hafensperre. Bei diesen Erklärungen und Gegenerklärungen, bei diesem beständigen Hin- und Herschwanken verlief viel Zeit, ohne dass man zu irgend einem positiven Resultat zu gelangen vermochte. Inzwischen aber bahnte sich langsam der Weg für die Friedensverhandlungen, die zuletzt zu Oubrils Vertrag führten.

So hielt die Angelegenheit der Bocca ganz Europa ein halbes Jahr in höchster Spannung: Der Friede Europas stand auf dem Spiel, wenigstens für den Augenblick. Aber auch nach Ablauf dieser Zeit war die Frage wegen der Bocca di Cattaro nicht endgültig gelöst; die Entscheidung stand nur auf dem Papier. Nicht einmal der Tilsiter Vertrag brachte eine befriedigende Lösung. Eine solche erfolgte erst, als alle anderen durch Napoleon auf die Tagesordnung gebrachten Fragen der europäischen Politik ihren Abschluss fanden, d.h. im Jahre 1814.

Wenden wir uns nun dem Lande zu, das für einen Augenblick als Schlüssel der politischen Situation Europas galt und der Uebermacht des siegreichen französischen Gewalthabers so lange trotzte und seinen Weltplänen sich in den Weg setzte, indem es um nichts anderes als um seine Freiheit und Unabhängigkeit mutig und aufopfernd kämpfte.[7]

2. Stand der Dinge in der Bocca di Cattaro.

Im Jahre 1797 vernichtete Bonaparte die Republik Venedig. Das traurige und bedauernswerte Schicksal dieses ruhmreichen Staates mussten naturgemäss auch seine Provinzen und Schutzgebiete fühlen. Eines dieser letzteren war die Bocca di Cattaro, welche seit 1420 unter Venedig stand. In jenem Jahre stellten sich die Bokelen, die bis dahin unter dem Schutz der ungarischen Könige gewesen waren, unter die Oberhoheit Venedigs, weil die Entwicklung der Dinge sie hierzu zwang. Ganz Dalmatien nämlich ging den Ungarn verloren. Die Bocca konnte, wenn sie es wollte, auch weiterhin unter dem ungarischen Schutz, bleiben. Dieser Schutz aber wäre nur ein formaler und unwirksamer gewesen. Wozu dann solch ein Schutz?

Die Bokelen begaben sich freiwillig in die Obhut des neuen Herrn von Dalmatien, aber nur unter gewissen gegenseitig unterschriebenen Bedingungen. Die wichtigste unter diesen lautete: «Wenn die Republik Venedig wegen irgend einer politischen Umwälzung nicht mehr imstande sein wird, Cattaro zu verteidigen, so darf sie es an niemand weder abtreten noch verkaufen, sondern muss es in seiner alten Freiheit weiterbestehen lassen.»[8]

Dieses alten Vertrages mit Venedig sich erinnernd widersetzten sich nun die Bokelen der Okkupation der Bocca durch Oesterreich, dem dieses Gebiet durch den Vertrag von Campo Formio von 1797 nach der Zerstörung der venezianischen Republik zugestanden wurde. Die Volkshäupter versammelten und berieten sich, welche Schritte sie jetzt unternehmen sollten. Alle waren einmütig in dem Entschluss, die Unabhängigkeit des Landes zu verteidigen. Ueber die Art und Weise dieser Verteidigung wollten sie nicht allein entscheiden. Auf dem hohen Berge, der ihrem Küstenland als der natürliche Schutz schien gegeben zu sein, hatten sie einen Ratgeber, der zugleich ihr religiöser Führer war, bei dem sie in schwierigen Momenten Rat und Trost holten und den sie in den schwierigsten zu Hilfe riefen. Sie befragten ihn durch eine Deputation. Der Fürstbischof[9] von Montenegro, denn er war jener Mann, gab den Bokelen den Ratschlag, sie sollten eine provisorische Verwaltung des Landes einsetzen, eine Landwehr errichten und die Gerichtsbarkeit in eigene Hände übernehmen. In diesem provisorischen Zustande sollten sie dann leben und abwarten, ob sich Venedig wieder erheben würde oder nicht. Sollte ersteres geschehen, so würden sie ihre Beziehungen zu ihm wieder herstellen können. Wenn aber nicht, so sollten sie die Herrschaft des römischen Kaisers anerkennen, aber nur unter denselben Bedingungen, unter welchen sie Venedigs Schutz genossen hätten.