Die Bokelen folgten diesem Ratschlag. Allein die Stadt Budua machte einen Schritt weiter, indem sie zu ihrem direkten «Beschützer und Richter, den Peter Petrovic, den ruhmvollen Erzbischof und Metropoliten von Montenegro,» wählte.[10]

Aber im Sommer desselben Jahres nahmen die Oesterreicher allmählich ganz Dalmatien ein. In der zweiten Hälfte des August erschien der österreichische General Baron Rukavina mit der Flotte in der Bucht di Cattaro. Umsonst warteten die Bokelen auf baldige Wiedererhebung ihrer Protektorin von der anderen Küste des Adriatischen Meeres. Die Republik Venedig war für immer vernichtet. Wie hätte dann die Bocca stand halten können vor der überwältigenden Macht des Feindes? Die Bokelen ergaben sich. Hätte der Vladika es gewollt, so hätten sie mit Begeisterung gegen die Oesterreicher gekämpft. Da der Vladika aber auf anderen Seiten gegen die Feinde seines Landes zu kämpfen hatte, und da er auch mit dem österreichischen Kaiser auf gutem Fusse lebte, blieb den Bokelen nichts übrig, als sich zu ergeben.

Das bisher Gesagte gehört eigentlich nicht unmittelbar zu den Ereignissen, die wir zu beschreiben unternommen haben; es musste aber in Erinnerung gerufen werden, um zu zeigen, dass wir hier mit einem Volke zu tun haben, das sich als ein Ganzes für sich und doch als ein Teil einer grösseren Volksfamilie fühlte, das seine Vergangenheit hatte, welches von ständigem Bestreben seiner Vorahnen nach Freiheit erfüllt war, mit einem kleinen Volke, das keinem seiner Nachbarn lästig war und das von ihnen nichts weiter verlangte, als freie hohe See und ein freies Obdach auf dem Lande. Denn dieses Volk lebte seit jeher mehr auf dem Wasser wie auf dem Festlande. Seeleute und Fischer waren es, die in ihrem Leben mehr Wasser und Himmel schauten als festes Land. Ein freies Gemüt, eine klare und unbefangene Beurteilung der Dinge und ein ungetrübtes Gerechtigkeitsgefühl war ihnen stets eigen gewesen. Sie entzogen sich nicht dem Kultureinfluss ihrer italienischen Schutzherren. Sie haben wohl nie die Opulenz und den Glanz Ragusas in ihren Städten geschaut, dennoch waren diese reich. Cattaro und Perast machten Konkurrenz manchen grösseren Küstenstädten in Ober-Dalmatien und Italien. Castelnuovo, Budua und Risano waren kleiner an Umfang und Grösse, nicht aber an Reichtum und Unternehmungen. Diese Leute von der Bocca di Cattaro durchreisten schon in ihren Jugendjahren die Welt. Manchmal mit Reichtum, immer aber mit grösserer Erfahrung kehrten sie in ihre Heimat zurück, die sie so liebten und in der sie ihren Lebensabend zu verbringen wünschten. Nichts Abscheulicheres gab es für sie, als Unterjochung eines Volkes, Tyrannei und Unterdrückung. Die Freiheit war für sie ebenso notwendig für das Leben wie das Meer und die Luft. Diese vornehme Eigenart ihres Temperaments zeigten die Bokelen während ihrer ganzen Geschichte. Unterjocht waren sie nie, wohl aber nahmen sie den Schutz bald dieser, bald jener Macht in Anspruch. Dadurch wurde ihre Freiheit nicht nur nicht eingeschränkt, sondern oft sogar vergrössert und besser gesichert vor der Gier der nächsten Nachbarn.

Durch den Vertrag von Campo Formio wie auch durch denjenigen von Pressburg fühlten sich die Bokelen schwer verletzt, weil man über sie ohne ihre Zustimmung verfügte. Sie hatten früher mit Venedig verhandelt, bevor sie unter seine Obhut traten. Solche direkte Verhandlungen mit Oesterreich oder mit Frankreich war ihnen untersagt. Das verletzte ihren Stolz, der eine mächtige Rolle spielte in ihrem politischen und sozialen Leben. Das war der hauptsächliche Grund ihres Unwillens, ihrer Aufregung gegen die Bestimmungen der Grossmächte. Der andere Grund dafür lag in der Furcht vor der Einschränkung ihrer Freiheit im Handel und in der Politik.

Die Stimmung in der Bocca nach dem Pressburger Frieden war noch erregter als nach dem von Campo Formio, einmal weil Europa zu wiederholten Malen über das Land willkürlich verfügte, und sodann, weil das Gerücht verbreitet wurde, dass die Franzosen, die angehenden Herren des Landes, die Bocca ihres freien Handels und Betriebes berauben wollten. Als der österreichische Kreiskapitän in der Bocca, Baron Kavalkabo, den Bokelen verkündigte, dass alle Städte des Landes bis zum 10. Februar an die Franzosen übergeben werden müssten, wurden sie so betrübt und erzürnt, dass sie alle wie ein Mann sich bereit erklärten, ihr Land vor den neuen Weltavanturisten bis in den Tod zu verteidigen.[11] Sie sahen sich nach zwei Seiten um Hilfe um. Die erste Hilfe war natürlich in Montenegro zu suchen. Eine andere Hilfe hofften sie von den Russen zu bekommen. Nicht aber von den Russen in Russland, sondern von der russischen Flotte, die sich zurzeit bei Korfu befand und die zur Aufgabe hatte, die Ionische Republik vor den Franzosen zu schirmen. Diese Flotte befehligte der Vize-Admiral Senjavin. Nach der Schlacht bei Trafalgar, wo die französische Flotte vernichtet wurde, waren Russen und Engländer auf dem Wasser ganz unzweifelhaft die Herren. Napoleon hatte so gut wie keine Flotte mehr. Darum musste er trachten, das Litorale überall gut gegen die Angriffe vom Wasser her zu befestigen. Daher ist es auch klar, warum er so dringend die Hafensperre für die russische und englische Flotte von Oesterreich forderte. Wenn diese Flotte den Zugang zu keinem Hafen mehr in der Adria hätte, dachte Napoleon, so müsste sie sich von selbst zurückziehen. Höchstens könnte sich diese Flotte noch bei Korfu aufhalten. Darum plante er eben die ganze Meeresküste bis nach und mit Albanien in Besitz zu nehmen, dann von Albanien aus Korfu anzugreifen und die vereinigte Flotte zu vertreiben.

Es gab viele Bokelen, die früher im russischen Marinedienst gestanden hatten und auch viele andere, die in der grossen Politik der Zeit Bescheid wussten. Die einen wie die anderen konnten gut erwägen, was für ein Schlag es für die russische Flotte wäre, wenn ihr der Zugang in die Bucht von Cattaro abgeschnitten wäre.

In Cetinje weilte damals der russische Agent Sankorski, auf dessen Mission in Montenegro wir noch einmal zu sprechen kommen werden. Zum Vladika und zu dem russischen Agenten sandten die Bokelen eine Deputation. Diese erklärte, die Bokelen seien entschlossen, die Bocca bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, falls ihnen die Montenegriner und die russische Eskader zu Hilfe kommen würden.[12] Sankorski seinerseits sprach den Bokelen die russische Hilfe sofort zu, und eben in diesem Sinne schrieb er an Senjavin. Der Vladika war natürlich noch mehr bereit, seinen treuen Bokelen zu Hilfe zu eilen als die Russen selbst. Er berief nach Cetinje alle Volkshäupter Montenegros und hielt mit ihnen eine Beratung, deren Schluss eine einstimmige Erklärung war, dass die Montenegriner nicht nur gegen die Franzosen um die Bocca zu kämpfen bereit seien, sondern dass sie die Oesterreicher, bevor das Land von jenen okkupiert wäre, aus der Bocca vertreiben wollten. Bereits am nächsten Tage, dem 28. Februar, stand der Vladika vor Castelnuovo und belagerte die Stadt. An demselben Tage langte auch die russische Eskader unter dem Kommando von Kapitän Belli an. Nach fünftägiger Belagerung forderten der Vladika und Belli von dem österreichischen Kommandanten die Kapitulation der Stadt und die Uebergabe der Schlüssel von allen bokelischen Städten. Es wurde ihm gesagt, er verteidige ein fremdes Land, denn die Frist der Uebergabe der Bocca an die Franzosen war bereits schon am 10. Februar abgelaufen. Markis Ghiselieri war schliesslich mit den russisch-montenegrinischen Forderungen einverstanden. Er trat den Bokelen ihr Land mit acht grösseren und kleineren Städten ab. Die österreichische Besatzung wurde überall ersetzt durch das einheimische Heer.[13]

Somit erhielten die Bokelen ihr Land ganz und frei ohne viele Mühen und Kämpfe zurück. Sonst wurde aber die Frage der Bocca di Cattaro viel verwickelter und für den europäischen Frieden von drohenderer Gefahr als je.

3. Peter I. und seine Beziehungen zu den Grossmächten.

Um zu erklären, warum der Vladika Peter in dieser Zeit ohne weiteres für den Kampf gegen die Franzosen energisch eintrat, muss man seine Beziehungen zu den Grossmächten kennen lernen. Peter Petrovic Njegosch übernahm die Staatsverwaltung nach dem Tode seines Vetters, des Vladika Javva 1782. Es war damals eine ungemein schwierige Zeit für Montenegro. Die Gefahr drohte von dem Ikadarsee her, von dem Vezir von Ikadar Mahmut-pascha Buschatlia..[14] Dieser war dem Sultan abtrünnig geworden und herrschte in der Ikadarprovinz nach eigener Willkür. Als ein Schreckbild und eine höllische Geissel wurde er von allen Nachbarn angesehen und gefürchtet. Die montenegrinische Grenze war nie ruhig und sicher vor seinen Banden.