II
Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen, hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.
Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten, was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.
Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren, dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer weiter, ins Dorf hinein.
Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen.
Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand gerade die kleine Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.
Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt, den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht gesehen worden im Dorf und nicht im Tal.
Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte, mäßigte er seinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter. Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen.
Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen, kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen, denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben, oder aber als errege es seine besondere Freude.
Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte: