Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!

Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen, die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich, und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem Störenfried an die Beine wollten.

Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von ferne trappeln hörten.


III

Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten, brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen, was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen, und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere nicht gibt!

Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft und durfte anstellen, was es wollte!

Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!

Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf, schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.