Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken, hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, — allein, es kam nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für diesen Tag war die Schule aus.

„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß uns fliehen!”

Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben, wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er, der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl umgefallen sei, um sich zu verbluten!

„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt! Oder kennt ihr eine schönere?”

„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:

„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”

„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”

„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”

„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und nachher doch König wurde!”

„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”