Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude: den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es, daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte!
Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge, die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich ablenkte.
Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten.
So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß, daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner Art eher leisten konnte.
Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten, und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde, sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht schwitze?
„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm, es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu was ordentlichem!”
Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt lag.
An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen. Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte, vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen Streichen!
Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont! Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt worden und sei schuldlos wie ein Kind.
In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen. Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte: er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu: