„L'amour est l'enfant du bohême,
Elle n'a jamais, jamais connu de loi!”
Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben, so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin!
Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin!
Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!”
So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in jener Stadt.
XII
Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm des Flusses schmiegt.
Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten: