Die Sieben kamen zurück, und am nächsten Tage mußte Dauphin mit ins Freie spazieren, und die Qual begann wieder und dauerte — der Direktor ließ sich auch nicht mehr sehen — viele Tage lang.
Bis wieder einmal ein Soldat in den Stall kam, der alle Pferde mit Namen kannte und Dauphin besonders liebkoste und alles so tat, wie's ehedem der Direktor getan hatte. Und wie er Dauphin ein Stück Zucker hinhielt, erkannte Dauphin, daß der Soldat niemand anders war als der Direktor selber. Da freute sich Dauphin über die Maßen und riß an seiner Kette. Der geliebte Direktor redet in seltsam langgezogenem, klagendem Tone allerhand mit Dauphin, was Dauphin zwar nicht ganz verstand, was aber dennoch sehr schön und gut war, und zog dann seinen Säbel aus der Scheide und hielt ihn Dauphin an die Augen.
Und Dauphin bekam ein bißchen Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak vor seinem Vater Abraham, streckte den Kopf ganz wagrecht vor, hob die Nüstern und beschnupperte, freundlich aus den Augen zu ihm lächelnd, daß der Direktor doch nicht etwa ..., dessen Hand.
Der Direktor nahm Dauphins Kopf untern Arm und sagte:
„Unser buntgekleidetes Künstlertum ist zu Ende, mein Lieber, und die Kunst schlechthin wird stark angerannt werden! Aber du lieber Himmel, was ist denn auch die Kunst, was sind denn unsere Kunststückchen, was steckt denn dahinter? Du hast es ja durchgemacht unter meiner Peitsche, Dauphin! Ich habe dich gepeinigt, ich habe dir die Lenden verhauen, einmal — ich weiß das nur zu genau — da habe ich dich, da du hilflos am Boden lagst und mit dem Erdball nicht spielen wolltest oder nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da habe ich dir mit meinen Füßen die Weichen zertreten, nicht anders als wie der Töpfer seinen Ton tritt, auf daß er weich werde und sich der formenden Hand füge! Nicht anders, Dauphin! Die Schmerzen, die du unter meiner Peitsche erduldet hast, das sind so recht die Schmerzen aller Künstler, wenn ich, mich zu entschuldigen, so sagen darf. Ich weiß: auch bei den anderen Künstlern ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung auf unsere Kunst, auf unsere Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere Bocksprünge richtig vollbringen können, nicht viel weniger als sie, die mehr begnadet sind als wir, aber wir leiden! Und leiden muß versöhnen und muß zu Brüdern machen! Herrjeh, bringt nicht der Dichter gleich uns sein Herz zu Markt, um gleich uns seinen Mitmenschen eine frohe Stunde zu bereiten? Leidet er etwa weniger, als du gelitten hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie immer, und sagen: was sind körperliche Leiden verglichen mit den Leiden der Seele? Als ob wir keine Seele hätten, Dauphin, als ob du keine Seele hättest! Als ob deine Seele drinnen an der Krippe zurückbleibe wie dein Halfter, das neben am Nagel hängt! Wer wüßt' besser als ich, Dauphin, daß du eine Seele habest! Ich habe sie malträtiert! Ich habe den Geist, der in dir kreist, den heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin, den heiligen Geist in dir vergewaltigt, und das muß sich naturgemäß und übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich vor dir: der Sklave eines anderen Zirkusdirektors, der mich in seine qualvolle Arena spannt! Laß gut sein, Dauphin, laß gut sein! Oft und immer wieder habe ich mich der Einsicht verschlossen, unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge seien keine Vergewaltigungen der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten, die sie doch sind ... Dauphin, die sie doch sind! Geh, frage auch die anderen Künstler, die von der hohen Fakultät, meine ich, ob sie dir nicht recht geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht lieber das Leben, das sie so glücklich vorzutäuschen vermögen, wirklich und in Wahrheit leben würden, leben würden, anstatt gleich uns die Maske zu tragen, zu gestalten, was sie nicht sind, zu erfreuen, da sie freudlos sind? ... Was soll ich mich länger noch dieser Einsicht verschließen, jetzt, am Ende der buntgekleideten Herrlichkeit, da über uns die Wahrheit hereinbricht, die dem größeren Direktor noch verschleiert zu sein scheint? Menschen soll ich töten gehen! Sieh dir den Stahl an, er soll Menschen töten! Dauphin, Dauphin: wenn das Leben ein Zirkus wäre, so würde ich mir hier und jetzt den Stahl in die Brust stoßen! Liebes Tierchen, leb' wohl! Ich weiß — so heftig fühle ich es —, ich weiß, daß ich nicht zurückkehren werde aus dieser Narrenarena! Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg hätten verhüten können, sind nur Zirkusdirektoren, Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren und versündigen sich am heiligen Geist! Aber das Leben ist ja kein Zirkus, ist ja kein Zirkus!”
Der Direktor küßte Dauphin auf die Blesse und stürzte zum Stall hinaus. Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst riß Dauphin an seiner Kette!
Den ganzen Tag und die ganze Nacht schurfte Dauphin in seinem Verschlag umher und strebte hinaus, irgendwohin, wo Leben pochte, mochte es Leben sein, welcher Art es wollte.
Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke des Stalles, unausgesetzt strömte der Regen hernieder. Die Sieben lagen ausgestreckt in ihren Abteilen und schliefen, und Dauphin allein wachte und hörte den Rieselregen an. Neben seiner Krippe tropfte Wasser von der Decke hernieder; die Tropfen zersprühten, da sie aufklatschten, und bespritzten Dauphin. Ihn fror. Nach einigen Stunden aber hörte das Gesumm des Regens auf, und die Sonne schnitt durch das Löchlein der Zeltdecke, sichtbar wirbelte sich feiner Staub in den Sonnenstreifen, und auf dem Rücken eines kleinen Schimmels lag ein greller Lichtfleck.