„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” sagte Balthasar zu Dauphin.
Nunmehr zog Dauphin täglich den Fleischwagen, den Spülichtwagen und noch andere Wägelchen durch die volkreiche Stadt. Man kannte ihn nicht in dieser Stadt; niemand kannte ihn! Man blieb wohl einmal stehen, besah sich das schwarze Gäulchen mit der weißen Blesse und ging weiter, und nur die Kinder fanden es der Mühe wert, sich zu verweilen, mit dem kleinen Freunde zu laufen, ihm einen Bissen Brot zu reichen oder ein Stückchen Zucker.
Obwohl nirgends mehr an den Mauern, an den Plakatsäulen, in den Schaufenstern Dauphins Bild mit dem Purpurmantelettchen hing, wußten die Kinder doch, daß das kleine Gäulchen kein gewöhnliches Kasernentierchen war, denn sie liefen neben ihm her und beschenkten es mit Zucker und Liebkosungen!
O wenn Dauphin frei gewesen wäre! Wenn er ledig seiner Siele, ledig des schweren Kummets gewesen wäre, ledig aller Mühen und Sorgen! Kinder! Kinder!
So aber war das Leben eine Qual, so aber wollten die klaren Augen nicht aufblicken in den Tag, der fast stets Nacht war, und sie blieben lieber am Erdboden haften, und die Unterlippe, die sonst so gern und so übermütig an den Freuden der Stunde nippte, hing schlaff nach unten und ward täglich schwerer.
Die Hauptmannspferde bekamen bessere Kost als Dauphin, wurden täglich gestriegelt, und ein jedes hatte einen Soldaten zur Bedienung!
Dauphin aber stand hinten im Stall, wo kein Fenster war, keine frische Luft und kein Licht, und sein Fressen lag oft tagelang in der Krippe, und wenn Balthasar ein dünnes Getränk brachte, so leerte er die Krippe zuvor nicht aus, und Dauphin fraß fast nichts als Heu.
Auf seinem Rumpfe zeichneten sich bald die Rippen deutlich ab, und da das schwarze Fell gänzlich von Staub und Schmutz durchsetzt war, konnte kein Kind Freude haben, das Gäulchen zu streicheln und liebkosend zu tätscheln. Die Mähne, ehedem ein zartwelliges Gekräusel, ein Kindergelock und ein Fähnchen der Fröhlichkeit und des Uebermutes, hing wie ein Bündel Haberstroh übern Hals herab und stak zerschabt in der Fessel des Kummets. Der kotige Zügel griff durch ihre letzten Spitzen, und wenn die Sonne auf diese Mähne schien, sah man Staubwölkchen draus emporwirbeln wie aus einem Sofa. Die Knochen der Hinterbacken stießen sich hervor, und Balthasar hing oft, wenn er schwitzte, seine verschmutzte Mütze dran. Die schweren Eisen der Hufe klapperten, die Rippen schoben sich unter der Haut hin und her.
Balthasar redete nie ein Wort mit Dauphin, und Dauphin empfand natürlich auch nie Lust, den mürrischen Alten etwas von seinem Können merken zu lassen. Niemand ahnte von Dauphins Qualitäten! Nicht einmal seinen Namen kannte man. Balthasar nicht, die Hauptleute nicht, die übrigen Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen ihn nicht mit seinem Namen.
Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige überhaupt noch Namen und irgendwelche Qualität? Konnte dies arme Tierchen im Kehrichtwagen noch etwas anderes als Sklavendienste tun?