Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten zu Dauphin her.

„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar entgegnet:

„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”

Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt ihm leichthin auf die Achsel und sagt:

„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf, Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand Kostgänger!”

Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!

Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen, wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem hungrigen Maul.

Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.

Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.

Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt! Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen, und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die weiße Blesse hing.