Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.
Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine eingefältelte Narbe in der Höhle hat.
Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben, ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.
Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet, und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen, schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher. Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.
Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme, daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.
Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm in die gespitzten Ohren:
„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine Schuld an deinem Geschick!”
Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu hören:
„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du an der Spitze meiner Truppen au milieu de mes troupes in Paris einziehen!”
„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's noch, Dauphin?”