Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen etwas schmächtiger gebaut als die Mutter, strotzte von Jugendkraft, und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu lassen.

Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute:

„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!”

Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein spannte.

Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das Wagnerhandwerk erlernen wollte; und am Abend trabte Riesele nochmals hinunter, den Gustav wieder abzuholen!

Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude! Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele! Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder. Welch eine Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse schimmern ließ!

Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es und sprach:

„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich käme nicht heim ohne goldene Schuhe!”

„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen, daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum Aschenbrödel der Welt!”

Gustav schirrte Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in seinen Stall und legte sich.