Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren!

Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr Schnee bedroht Mensch und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.

Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die tiefhängenden Schalen heben sich der Sonne entgegen und lassen den Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach offenbart.

Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein.

Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:

„Weihnachten, Weihnachten!” und es ist, als freue sich auch das Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben durften ...

Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte Christbäume an den Bahnhof fahren.

Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme seitab und die roten Nasen hochauf.

Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.

Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit!