War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über den Berg gezogen?

Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen Glück?

Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen steinerne Krippe und sprach:

„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen, treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam die gewaltige Sintflut von oben herab über die Menschen! Später, als sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam und — erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen, da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese Flut war nicht schrecklich genug, sie zu bessern, nicht groß genug, sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie, überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du, Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich — freilich nicht mehr in Gestalt der Menschen — auf Erden wandeln wird, wann, wann, Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher!

Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst, den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten Fleck:

„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei! Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten, aber er ist gar kein Pfaffe!

Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!

Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten Hufen das Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.

Nicht minder geschickt aber wußten die Pferde sich zu verteidigen. Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, hörten sie ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn mit den großklaren Augen im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine nach außen im Kreise standen, und nun, wenn der Feind es wagte, heranzukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, daß er kein Plätzchen, keine Lücke fand, anzugreifen.

Da kam der Mensch! Erst schleuderte er aus dem Hinterhalt die schwersten Steine in die Herde, dann schoß er Pfeile ab aus weiter Entfernung, das Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum in der Natur nicht genug fand und es den Blutsaugern ähnlich machen wollte.