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Am nächsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater, eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante Somnambule auftreten. Im Dämmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich auf, die bis in ihre frühen Kindertage zurückreichten ... bis in eine Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß es über den Augenblick der körperlichen Erfordernisse hinaus empfindet oder aufzeichnet.
Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden, durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervösen Hemmungen litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch Schriftsteller, Künstler und Kunstfreunde von Ruf, so wie es in den letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war.
Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen, kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielsälen den Spitznamen: die Unaktive! Es war die Gräfin Told.
Er widmete ihr den Abend über alle Aufmerksamkeiten, deren er fähig war, erzählte spannende, ungewöhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen Erinnerungen die Kraft nachgenießend, die er veräußert hatte. Er fühlte, was diese Frau in die Spielsäle trieb, und es war ihm über dieser plötzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als öffne sich in seinem Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, daß nur zuckendes Menschenherz sie füllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die Menschenblut aufgerissen und die Jäger zu tobender Blutlust entflammt hatten.
Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschsüchtiges Begehren schoß in sein Hirn und füllte es aus. Er wollte diese Frau für sich haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzählungen ihr Blut lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebärdiger und umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben, die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kämpfte, sei sie.
Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach Anlehnung und Zärtlichkeit überfiel sie vor den Äußerungen dieser Männerkraft so stark, daß sie sich von seinen gewaltsamen Erzählungen, mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stück lebendiger, blutnasser Haut losriß, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden, heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berührte.
Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrug nicht mehr, daß andere Blicke sich auf sie legten ... daß irgendeiner der fremden Männer sie ansprechen durfte ... Lippen sich über ihre Hand beugten ... Willen nach ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen.
Er mußte fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei der Frau zurück, und sich so von ihr entfernend, seinen Körper so von dem Blut losreißend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend, die Straßen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: „Mord und Verlangen! Mord und Verlangen!“
Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln ließ, ihr Herz. Es war von seiner Hand dem schönen Leib entrissen, blutete über seine Finger und zuckte in sein Hirn.