„Ich hab’ das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?“
„Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem nicht wiedergekommen!“
„Und der alte Professor?“
„Nein, auch nicht!“
„Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,“ sagte dann die Carozza barsch. „Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden. Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie’s wissen! Ihnen sag’ ich’s! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren, sag’ ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! ... Die bösen Hunde! ...“
Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der Schulter. „Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,“ rief sie, immer ungebärdiger werdend, „daß nie jemand so verraten wurde wie ich. Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg in einer Gosse!“
„Weshalb hat er sie verlassen?“ fragte die Gräfin. Sie fragte das so schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ja tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. „Er ist tot!“ sagte sie leise und schwingend.
„Wer?“ rief die Carozza.
„Ihr Freund ... Hull!“ zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in ihrer Phantasie zu unterliegen.
Aber da schrie die andere auf sie ein: „Ach was! Er ist nicht tot! Den ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sag’ ich dir! Du Rotznas’, was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer, kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu seinen Füßen dulden könnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der besteht. Der wildeste, sag’ ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein Königstiger aus Bengalen ... hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land ... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm’! Weil man mich in diesem Loch verfaulen läßt!“