Auf einmal sagte sie ruhig und fest: „Sag’, glaubst du, daß es Männer gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um mich ... einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so ... so begehre?“

„Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!“ antwortete die Gräfin. Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.

Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden an den elektrischen Strömen.

„Ja, in uns gibt es sie!“ wiederholte sie.

„Er! ... Er! ...“ sang die Carozza mit einem Tonfall aus der Appassionata.

Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie wollte.

„Liebst du ihn?“ fragte sie die Carozza.

Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: „Ach was ... lieben!“

„Ich liebe ihn nicht!“ ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. „Aber er ist doch alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur. Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder! Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in ihm!“

Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß.