„Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch, eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut nichts in dieser Sache.“
„Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen Neuerungen zu verschonen ...“
„Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor. Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!“
Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?
*
Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.
Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte, und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet hatte. Der Mann sank hin vor ihr.
Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen und ihr Inneres mild beschatten könnte.
Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen. Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und geführt.
In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern. Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres Nachbarn.