Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken.
Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen, fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft entließ. Da haßte die Gräfin den Mann, der neben ihr saß und schlecht gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und selbstsicheres Hirn und Blut.
Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.
Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die Psychologie des Glücksspiels.
„Ich bin eine Spielernatur eigentlich,“ sagte der Graf, „ich bleibe eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie fruchtbar, wenn ich gewinne.“
Mabuse sagte: „Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.“
„Interessant,“ antwortete der Graf, „führen Sie das, bitte, weiter aus.“
„Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.“
„Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?“
„Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!“