Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter den Füßen der Menschen durcheinander. Die Menschen drüber her! Da erlosch die elektrische Birne.
Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte, war auf die hinfallende Gräfin gestürzt, hatte sie hoch in seine Arme gerissen, und einen Sprung später war er zwischen den Palmen und trug die Ohnmächtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bäume und weit nach hinten durch Gebüsch zu der kleinen Mauer, an der eine Straße vorbeiführte. Er hob sie über die Mauer hinüber. Jemand half von drüben. Und einen Augenblick später toste das Automobil wie ein Räuber davon.
„Nord- und Südkugel!“ sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt hinein. „Jetzt seid ihr mein!“
Die Xenienstraße war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch ohnmächtig war, in seine Wohnung hinein.
XII
Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag. Aber Told winkte ab: „Warten Sie auf die Frau Gräfin!“
Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen ... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum wäre!
Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen. Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel. Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten Pedanterie stark an diesem Zusammensein.
Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere Erlebnis seines Daseins.
Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch schlecht aus ihm. Nein, Dusy soll fort von ihm sein! Es kam eine Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.