Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber. Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: „Es kommt mir zum Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht. Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus. Und da ...“

Er schlug um: „Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter der Psychiater bevor.“

„Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher ist, sonst hätte ich mich freuen können.“

Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige, geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.

„Man spricht von unserer Klasse als von einem ‚besseren‘ Stand. Diese Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden. Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!“

Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war krank.

Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die „Blauen Pferde“ hat man einmal für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die Anekdoten, die sie vermünzten.

Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.

„Man wird das Wort prägen,“ sagte ihm einmal Wenk, „er spricht so gut wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie werden es erleben, daß der Expressionist eo ipso auch Theosoph sein wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind. Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ... Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns, gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der Krieg gegen uns selber!“

Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da es so spät geworden sei.