Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete, erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen, abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen, gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen gesellschaftlichen Skandal zu machen.
„Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?“
„Ja, jetzt,“ lachte Wendel, „wo ich so unfreundlich über ihn sprach, kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser Familienvater, ein Professor an der Anatomie.“
„Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können. Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermürbt und zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen besonderen Eindruck auf den Grafen machte?“
„Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher Maler bei mir,“ lächelte der Rat.
„Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?“
„Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn. Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.“
Wenk ging.
Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht.
Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß, verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. „Ich habe es gewußt,“ sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach Hause gekommen. „Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der Geheimrat?“