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Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder verhängnisvoll in die Öffentlichkeit. Wenk sah sich bedrängt und entschloß sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er ging zu ihr ins Gefängnis. „Ich spreche nicht mit Ihnen!“ sagte die Carozza, sobald sie ihn sah.

Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekümmertem Ton und verschwommenen Hoffnungen: „Wissen Sie, daß auch die schöne Dame, die stets bei Schramms saß und nicht mitspielte, verschwunden ist?“

„Nein,“ rief die Carozza im Augenblick, „die Sie zu mir ins Gefängnis geschickt hatten?“

„Ja!“ sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun rätselhaft. Hatte die Gräfin der Carozza von ihrer Sendung erzählt? War sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza nicht die Gewißheit geben, daß er erstaunt über diese Mitteilung war. Er redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu überlegen, was ihm gerade einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens äußerte er auch schließlich eine Vermutung, die bei dem vielen Überdenken des Zusammenhangs der Carozza mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht reif genug gehalten hatte. Er sagte:

„Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm zu trennen vermochten.“

Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines maßlosen Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszüge. „Nun?“ fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll.

Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter: „Ich könnte Ihnen, wenn wir einig werden, für Sie günstige Vorschläge machen.“

Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurück. Seit drei Jahren, da Mabuse sie von sich gestoßen, war ihr Leben nichts anderes gewesen als eine Kette von märtyrerhafter Selbstverleugnung und von ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglücklich machte und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern. Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das unumstößliche Angehörigkeitsgefühl an seine Stärke.

Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten Mann bedroht. Was wußte der Staatsanwalt? Woher wußte er es? Hatte die Gräfin sie dennoch verraten? Langsam nährte sie in sich den Plan, zu erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wäre. Sie konnte vielleicht warnen ... vielleicht — und dabei durchzuckten sie wie Blitze wollüstige Gefühle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber ihn zu retten, wäre ihr schon genug gewesen, wäre Seligkeit. Sie sagte schließlich: „Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.“