Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche waren seine Augen. Die Gräfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer kam. Sie waren nicht mehr von dem großen steinernen Grau eines Achats. Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. „Was ist geschehen?“ fragte sie.

Da erzählte er nicht, was er eigentlich erzählen gewollt. „Weißt du, wer ich bin?“ fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. „Ich bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der Haß alles Blut auf, das mir in den Adern läuft, und jede Nacht sauge ich sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen, zerreißen sie mich in vierundsechzig Stücke. Ich beiße dir die Kehle durch, du weißes Tier, das mich zerstören will!“

Die Gräfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, stöhnte: „Töte mich! Was gäbe es Besseres?“

„Ich liebe dich!“ schrie die Stimme des besessenen Mannes über ihr.

Die Frau barg den Kopf in ihre Hände. Sie hörte dieses eingestehende Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertränkend wogte unter ihm der Rausch des Blutes durch ihr Gemüt, das sich von der Welt fort in die Schlucht eines Gefängnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr gab.

Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in einer künstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzündung an der Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme durch verschlossene Türen. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu verbrennen. Wovon lebte die Flamme?

Mabuse verließ die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich.

Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues in sein Leben gekommen, das so unveränderlich geschienen hatte. Es war, als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem dunkeln, kalten Loch aufgewühlt, von dessen Grund er sein Leben und seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang quälte er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm.

Da ging er zu der Frau zurück, die schlaflos und in Kleidern auf dem Bett lag.

Er sagte ihr: „Wir müssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind ineinandergelaufen, und wir müssen sie durch unser Leben weitertragen. Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schuß ins Blut bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer Gemeinschaft unmöglich macht, in der Kräfte über meinen Kräften stehen. Ich bin deshalb so etwas wie ein Räuberhauptmann geworden. Ich kenne nur zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmüssen! Seit diesem Tag kommst du dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines Gemüts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nährst dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Haß nicht vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schönere Dinge gibt, nenn’ ich dir oft den Namen: Eitopomar.