Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar — gibt es für irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende Leben! Dies furchtbare Leben! ...
„Komm!“ sagte sie zur Flasche. „Nein, daran brauchst du nicht mehr zu tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit, Seligkeit, du ...“
Das schrie sie.
Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ...
*
Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. „Ja, Herr Staatsanwalt, wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh tot in der Zelle.“
Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer. Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl. Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen. Es waren Spuren von Giften daran.
Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein Glück bei Frauen.
Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück.
Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen konnte.