Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.
Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem sie anheimgegeben war — — — unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den Tod.
Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück. Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den Wald.
Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren Tränen sich in das Nichts zu erlösen.
*
Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach Berlin.
Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.
Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war: von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen verlangte.
Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...
Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn zum Kaiser krönen.