Wenk faßte sich an die Schläfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er quälte sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war losgelöst von aller Atmosphäre des Wann und Wo und mit wem?

Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit dem Nachgrübeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn geisterhaft bedrückte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose Säule, ein Untier ... er hätte es nicht sagen können ... Da blutete die Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flüchtigen, wie Nebel hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgänge, daß die Form einen Mund hatte und diesen Mund plötzlich spitzte und skandierend das Wort sprach: „Tsi ... nan ... fu!“

Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten Professors gehört zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse, dessentwegen er nach Berlin gekommen war.

Dr. Mab... Dr. Mab... flüsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte sich das Bild des alten Professors zu vergegenwärtigen und fand es nicht mehr genau zurück. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.

Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?

Mabuse als Suggestor! Welche Kühnheit! Als öffentlich auftretender Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblüffenden Fähigkeiten war wie Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgründen durchhöhlter Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da oben seiner Phantasie entströmten und vor seinem Hirn durchtrieben.

Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhängen, wie jene erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.

Und da wußte Wenk auf einmal über einen Weg unerkenntlicher Zusammenhänge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzählung des ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in seinem Notizbuch wörtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche genommen, als er ihn nachts im Schleißheimer Park abgesetzt hatte. Ja, die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt über Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die bluttropfenden Blättlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull!

Da geschah es in dem bewegten Nebelgebäude, das sich in Wenk ruhelos und so vielgestaltig zusammenbaute, daß, wie ein Knochen aus dem astralhaften Schatten, mit dem die Röntgenstrahlen das Gebein aus dem durchleuchteten Fleisch hervortreten ließen, etwas aufwuchs ... ein dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein Mann!

Die Fürstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen Vorstellungen etwas zurück. Er kämpfte, um die Worte zu fassen, die er las: „Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfähig, gegen ihn zu halten.“