Er stand wieder auf und ging ein Bündel Akten durch, um sein Gewissen zu beruhigen. Bei diesem Durchlesen von Angaben fremder Menschen bekam er den Eindruck, sie alle, die in dem Maße verloren hatten, daß sie an nichts anderes als an Falschspiel glauben konnten, möchten so ähnlich wie Basch am Spieltisch gesessen haben. Wäre er geblieben und hätte er sich vernünftig benommen, so hätte er also zum erstenmal Gelegenheit gehabt, selber zu sehen, was bis dahin sich erst durch fremdes Bewußtsein durchsieben mußte, bis es zu ihm kam.

Da war Wenk ganz verzagt. Ich muß anders arbeiten, ganz anders! Der gute Wille genügt nicht. Fleiß genügt nicht. Selbstverleugnung und unerbittliche Disziplin und ein wenig mehr Schlauheit! Ich muß auch mit allen Tricks arbeiten, die der Gegner anwendet ... mit Maskierung, heimlicher Überwachung ... Ich muß mich selber aufs Spiel zu setzen vermögen ... muß selber Leimrute sein, um nicht als Gimpel darauf gefangen zu werden ... Der Herr Staatsanwalt mit einem falschen Bart ... den Browning im Handballen versteckt ... Jockeymütze und Zylinderhut mit Perücke und so weiter ... wie im Kino ...

Vor dem Spiegel beschaute er sein bartloses Gesicht, und er fand, Grimassen schneidend, den Mund verziehend, die Kinnladen auseinander spannend, aus Papierfetzen geschnitzte Bartschemen vorklebend, daß sich sein Kopf zum Maskieren sehr eignen müsse.

Am nächsten Tage ließ er sich von der Fahndungs-Polizei eine ganze Ausstattung besorgen. Mit Hilfe eines Fachmannes der Polizei probierte er alle Requisiten durch, lernte Bärte kleben, durch eine Schminke Gesichtsfarbe ändern und älter oder jünger machen, Entstellungen durch Narben und anderes mehr. Er konnte nun als Onkel aus der Provinz, als roter Eilradler, als Taxameterchauffeur, als Dienstmann, Kellner, Hausmeister, Fensterputzer, Arbeitsloser und so weiter losgehen. Den Vormittag über studierte er das kriminalistische Museum durch, das die Polizei angelegt hatte, begab sich wieder mit Photographien, die er dort gefunden, zu seinen falschen Bärten zurück und arbeitete mit fanatischem Eifer.

So verging der Tag, und abends war ihm, als sei er ein stärkerer Mensch geworden. Er war zugleich bescheidener und wagemutiger. Er wäre am liebsten gleich durch alle Spielhäuser der Stadt gelaufen.

Aber er ging nur zu Schramms. Lang hatte er sich überlegt, ob er nicht in irgendeiner Ummaskierung dort erscheinen sollte, mehr um sie ein erstes Mal auszuprobieren und zu lernen, sich sicher darin zu fühlen, als um etwa unter ihrer Deckung ans Werk zu gehen. Er wurde auch weniger durch die Aussicht, etwas zu erreichen, hingeführt, als um ein neues Mal vielleicht den Blondbärtigen spielen zu sehen: er wollte so sich selber gegenüber gutmachen, was ihm von seinem Versagen am vergangenen Abend her so peinigend nicht aus der Erinnerung weichen wollte. Auch Basch hätte er gern gesehen und versucht, mit ihm über das Kartenpech zu sprechen, unter dem er so gelitten. Er ging also, wie er war.

Es war schon spät, als er hinkam. Hull war dort. Aber es zeigte sich weder der Blondbärtige noch Basch. Von dem ersten hörte er nur, er sei gleich nach ihm fortgegangen, und das sei allgemein aufgefallen. Basch habe nach dem Weggehen des Blonden wie erschlafft und ohne weiterzuspielen in seinem Sessel gesessen und sei auf einmal verschwunden gewesen. Niemand kannte ihn recht. Er sei sonst nie zu Schramms gekommen.

Die Frau, die hinter Basch gesessen, schätzte seine Verluste auf dreißig- bis fünfunddreißigtausend Mark. Der Blonde habe das alles gewonnen. Er habe aber erst gewonnen, als er die Bank selber hielt. Es sei wohl alles in Ordnung zugegangen. Der Diener, der die Karten liefere, sei sehr zuverlässig.

Unter den Gesprächen über den gestrigen Abend hörte man auf zu spielen.

Die Carozza sagte: „Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie können tun, was sie wollen. Es ist stärker als sie. Es ist ihr Geist, ihr Gott.“