„Er trägt nämlich Damenschuhe!“
„Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.“
„Kommen Sie mit, Herr Direktor.“
Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit hohen Stöckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder.
Da entsicherte Wenk seinen Browning und öffnete ohne zu klopfen die Tür. Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer, das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle Schränke, das Bett, die Läden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete auf die Straße hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden.
Er ließ den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel verlassen habe. „Nur der Bureauchef!“ sagte der Portier.
In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. „Sie sind ja eben schon weggegangen!“ rief er.
„Ich? — Ich war bis vor einer Minute im Bureau!“ antwortete der Angestellte.
Da wußte Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich für den Fall der Not die Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe hatte er vor die Tür gestellt, weil er richtig berechnete, daß der Verfolger, bevor er ins Zimmer eindränge, auf die unerwarteten Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling von Hull.
Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch vorhanden war, und versuchte es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so verschwommen, ändernd und ungewiß war das, was er von dem alten Professor in seinem Hirn zurückfand, obgleich diese Begegnung kaum eine Stunde hinter ihm lag.