Über dem wurde er schläfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit überfiel ihn wie nach einem starken Blutverlust. Jenes Gefühl von einem inneren Leichtergewordensein, das er vom Schluß von Mensuren so wohlig in der Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollständig in Besitz.

Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich ganz auszukleiden. Er fühlte sich dabei leise umbaut wie von einem rätselvollen Schloß. Und er wußte, in den drei Zauberlauten „Tsi nan fu“, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten, lag der Schlüssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu öffnen.

*

Wenk ging die nächsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum, stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im Schutz des Führersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen.

Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Häuser war und langsam die Dienerstraße hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschärften Schrecken durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbärtige! Er drehte den Rücken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und wählerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto hielt vor der Tür. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt. Er schrieb sich die Nummer auf.

Der Chauffeur verließ es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen. Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf, machte aber mit den Händen Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei.

Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tür zu. Da war es aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde. Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mächtigen Sprung, als wolle es ihm enteilen.

Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm. Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine größere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstraße. Wenk vermochte nicht Schritt zu halten. Die Straße war weithin leer. Er sah, als er selber noch auf dem Maximilianplatz war, daß das Auto die Wiedenmeierstraße nahm. So fuhr er, immer weiter zurückbleibend, aber in der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze Wiedenmeierstraße her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brücke ankam, sah er, wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine sausende Kurve fuhr und plötzlich mit donnerndem Motor auf die Brücke zurück und an ihm vorbeistürzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstraße hinab, die er gerade heraufgekommen war.

Das war natürlich verdächtig, und Wenk gab sich nun alle Mühe, den Anschluß an ihn zu behalten. Noch auf der Brücke machte er kehrt. Wieder bog der andere Wagen in die Maximilianstraße hinein. Diese war nun von Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern heranzukommen.

Das fremde Auto hielt vor einem Varietétheater. Wenk sprang jenseits der Straße aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verließ und, Wenk den Rücken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den därmezerreißenden Schrecken: Das war er doch! der Blondbärtige! ... Das ist er doch!