Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal eröffnet worden. Er müsse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur fürs Spiel im großen eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der Polizei ihn in ein Varieté umändern könnten. Davon sollte allerdings auch er vorläufig noch nichts wissen. Aber die Carozza habe einen Brief bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets über alle Sensationen in diesen Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie müßten sich der Führung der Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die allerdings nichts.

Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins Café Bastin, von wo aus man hinwollte.

VII

Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der Laden- und Mietshäuser. Die Rolläden vor dem Geschäft zu ebner Erde waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines Geburtsjahrs: 76!

Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen Gleichgültigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter, oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer, abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten beklebt. „Lustig,“ sagte die Carozza. „Aber wartet nur!“

Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den Spielsaal.

Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß.

In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge — es gab solche für eine Person, für zwei und für vier — lag in abtrennendes Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat.

Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen.

Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.