Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. „Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll und gewaltsam hervorzerrte.
„Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief er nochmals und war erregt durch seinen ganzen Körper.
„Ja!“ antwortete eine Stimme, „hier der diensttuende Polizeikommissar!“
„Rasch!“ sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was lauerte? Was lauerte?
Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: „Der Herr namens Edgar Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn Staatsanwalt. Schluß!“
„Schluß!“ zitterte Wenks Stimme nach.
Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich ganz einsetzend, um ganz handeln zu können.
In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln: Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen gewachsen sein.
... Hulls Leiche lag im Finstern.
Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie — es waren Polizisten —, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch.