Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.

Nachdem Wenk ihm erzählt hatte, was vorgefallen war, sagte er: „Was mich ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn es ein einzelner Mord wäre, würde ich der Berichterstattung meinetwegen, wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem Überfall steht eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken, vielseitigen Kräften. Er muß um sein verbrecherisches Leben eine ganze Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu beschützen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen hat, verrät, daß er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer hat mir nämlich früher erzählt, daß es mit ihm in einer eigenartigen Weise zusammengetroffen sei. Er wußte das! Er will um seine Tätigkeit im Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, daß kein Leben sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet einerseits und anderseits in allen bösen Instinkten gesteigert, wie sie der Krieg zurückließ, jeder Ansteckung zugänglich ist. Ganz können wir das Ereignis nicht unterdrücken. Ich möchte mich aber bemühen, es außerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der Öffentlichkeit zu übergeben, damit die Phantasien nicht aus Mördern Volkshelden machen. Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich Sie bitten, aufs strengste darüber zu wachen, daß keine Nachrichten über den Fall Hull veröffentlicht werden, die nicht durch meine Hände gingen? Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es um das Wohl des Ganzen zu tun ist, muß sich opfern.“

„Gewiß!“ sagte der Chefredakteur.

„Ich möchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefühl eines Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!“

„Ich bin auf dem laufenden,“ antwortete der freundliche Redakteur.

„So danke ich Ihnen und wünsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit. Unser Volk ist in schwerer Lage.“

Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich als Diener waltete, eine Visitenkarte: Gräfin Dusy Told.

„Bitte, bitte!“ rief Wenk lebhaft und ließ die Gräfin eintreten.

„Hier wird uns zum Gegenstück doch nicht etwa eine besorgte Gattin stören, die für unsere Veranlagung nicht das nötige Verständnis hat?“ sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.

„Das Glück einer Genossin ist mir nicht beschieden worden!“ antwortete Wenk und empfand mit einer betörenden Süße die Nähe der Frau. Und dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern Leben lag, das er früher einmal geführt zu haben schien. Jetzt, hinter den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefühle der Liebe und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.