Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort für sie, und sie selber, in deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach großen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen, weil es ihr wie eine Bestätigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte es in ihr, gewiß, was ich für ihn jetzt fühle, ist ... Aber sie drückte sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errötete darob. Wenk sah es. Ein Schauer ging durch ihn. Er kämpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre Hand nieder.

Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefühlen auf, und er war nicht mehr so kühn, in einem Wort oder einer Gebärde die betörte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Gräfin einen Sessel an, und während er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine ganze Vorstellungskraft überschwemmte: Er wollte diese Frau, die er liebte, und der er nicht gleichgültig war, seinem Unternehmen verknüpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen.

Da sagte er ihr: „Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns, Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil ich zufällig zwei Stunden früher das neue Lokal verlassen hatte, in das wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist wieder der blondbärtige Spieler und alte Professor. Die Täter entkamen spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen von ihrem Verhältnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als Gefühlsbeweise für ihre Schuld. Aber ich wüßte ein Mittel, ihr die Zunge zu lösen: wenn Sie, Frau Gräfin, das Wagnis unternähmen, sich ebenfalls verhaften zu lassen, so trüge ich Sorge dafür, daß Sie mit der Carozza in einer Zelle untergebracht würden. Sie kennt Sie nicht als Gräfin Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr Vergehen als geringfügig hin, daß Sie bald wieder herauskämen, selbst wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden müßten ... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher müßten Sie ihr weis gemacht haben, daß die Lage der Carozza sehr gefährdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ... Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer für ihre Flucht mobil zu machen sei. Sie verstehen, Frau Gräfin. Und wir können den Verbrecher unschädlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?“

„Ich erfülle Ihren Wunsch!“ antwortete, ohne sich zu besinnen, die Gräfin. Ihre Stimme klang wie heißgelaufen. Wenk war ängstlich berührt von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schöne, vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.

„Mir hat das ja gerade gefehlt,“ sagte mit leisem Ton die Frau, „etwas zu tun, nützlich zu sein, in einem kühnen Werk der Einsatz des Lebens, um das Leben zu spüren.“

„Und das haben Sie in den Spielräumen gesucht?“ sagte er.

„Ich weiß es nicht genau. Ich fühlte mich wohl in dieser Gesellschaft, weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich über alle Horizonte. Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...“

Wenk wurde es heiß in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es quälte ihn, er quälte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: „Und Ihr Mann?“

Die Frau antwortete mild: „In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus Erfahrung, bleibt etwas unerfüllt von dem, was das Herz erwartet hat. Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne ihn zu finden.“

„Ich verehre Sie!“ sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine Stimme.