Stutzer von Grager.

Eine größere Versammlung von Eingeborenen giebt auch am besten Gelegenheit zu anthropologischen Studien. Ich überzeugte mich auch hier aufs neue von der großen Verschiedenheit in den Gesichtszügen und doch waren diese Papuas gewiß frei vom Einfluß fremder Beimischung. Aber auch bei diesem Naturvölkchen ist es wie bei uns, und es herrscht eine ebenso große individuelle Abweichung! So waren typische Judengesichter nichts Seltenes; andere erinnerten durch ihre gebogenen Nasen an Indianer und einzelne unterschieden sich, abgerechnet Hautfärbung und Haar, kaum von Europäern.

Wahrscheinlich noch in Festesstimmung zeigten sich übrigens die neuen Freunde recht dreist, erkletterten in hellen Haufen das Schiff, so daß ich genug zu thun hatte, um Ordnung zu halten und die Überzahl sanft von Bord zu spedieren. Sie hatten wie immer wenig zu vertauschen und Bananen und Schweine, nach denen uns am meisten gelüstete, selbst aufgezehrt.

Dem Gewimmel der Eingeborenen wurde übrigens ein jähes Ende gemacht, als Kapitän Dallmann gegen Mittag von seiner Bootexkursion mit der frohen Kunde zurückkehrte, daß der bislang vergebens gesuchte Hafen gefunden sei, und zwar ein ganz vortrefflicher. Schnell wurde Anker gehievt, und kaum eine halbe Stunde später lagen wir in dem herrlichen Bassin, das wir zu Ehren Seiner Kaiserlich und Königlichen Hoheit dem Kronprinzen »Friedrich-Wilhelms-Hafen« benannten. Das war am 19. Oktober! Die Erinnerungen, welche sich an den vorhergehenden Tag knüpfen (Geburtstag des Kronprinzen, Schlacht bei Leipzig), durften dem neuen deutschen Hafen als gutes Omen gelten, das demselben hoffentlich dauernd günstig bleiben wird. Denn, wenn erst Kaiser-Wilhelms-Land denjenigen Aufschwung nimmt, den wir alle wünschen, wird auch »Friedrich-Wilhelms-Hafen« diejenige Bedeutung erlangen, welche er so sehr verdient. Jedenfalls gehört er mit zu den besten Häfen in Deutsch-Neu-Guinea, ist aber leider mehr mit Fieber behaftet als andere Gebiete, Verhältnisse, die sich bei der einstigen Urbarmachung ebensogut bessern werden, als dies z. B. bei Soerabaja und anderen tropischen Häfen der Fall war. Friedrich-Wilhelms-Hafen ist, wie die vorhergehende Kartenskizze zeigt, eigentlich eine langgestreckte Lagune, von 1½ bis 2 Meilen Breite und 8 Meilen Länge, die von der Dallmann-Einfahrt, wie ich die Straße zwischen Grager und der Schering-Halbinsel benannte, knieförmig tief ins Land nach Südwest einschneidet. Sie ist, was der Amerikaner »land-locked« nennt, d. h. rings von dichtem Urwald umschlossen, also vollkommen gegen alle Winde geschützt. Dabei sind keine »Patches« d. h. untiefe Korallstellen vorhanden und selbst das größte Panzerschiff kann sicher einlaufen, ankern und schwingen. Die von der Samoa gemachten Lotungen hatten dieses günstige Resultat schon ergeben, welches später durch die sorgfältigen Aufnahmen der deutschen Kriegsschiffe (Elisabeth und Hyäne) nur Bestätigung fanden. Die Tiefen halten sich in der Mehrzahl der Lotungen zwischen zwanzig und einigen Meter und fallen nur an wenigen Stellen bis zu vierzehn; die Dallmann-Einfahrt bewegt sich meist in den dreißigen. Der Observationspunkt der Kriegsschiffe auf der Schering-Halbinsel liegt unter Breite 5°, 14,5′ Süd; Länge: 145,47 Ost; der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt ¾ Meter.

Friedrich-Wilhelm- und Prinz Heinrich-Hafen.

Die Samoa war das erste Schiff, welches in diesem Hafen ankerte, dessen erhabene Ruhe uns allen wohlthat. Und als die Nacht sich herniedersenkte und die Kakadus mit ihrem widerlichen Gekreisch zur Ruhe gebracht hatte, schlief auch ich unter dem eintönigen Gezirp der Cikaden und dem Kastagnettengeklapper der Laubfrösche so schön wie lange nicht; wozu die Befriedigung über die neue Entdeckung nicht wenig beitrug. War es doch der erste Hafen, den wir gefunden hatten, und somit die Begeisterung verzeihlich.

Vogelstimmen verkündeten den anbrechenden Tag, denn um diese Zeit sind auch die Tropenvögel wie die unsrigen am lebhaftesten. Sie waren mir alle alte Bekannte von der Südostküste. Den meisten Lärm machten wie immer weiße Kakadus (Cacatua Triton) und Papageien (Eclectus polychlorus); Loris (Lorius erythrothorax) und Sittiche (Trichoglossus Massenae) ließen pfeilschnell die Luft durchschießend ihren schrillen Lockruf vernehmen; dazwischen tönte das tiefe: arr, arr, raab, raab, aai, aai des Raben (Corvus orru), und das dumpfe Brummen der weißen Fruchttaube (Carpophaga spilorrhoa), das tiefe »balebakú« ihrer grünen Base (Carpophaga poliura); das mannigfach modulierte Geschwätz des nimmer müden Lederkopf (Tropidorhynchus Novae Guineae). Aber nicht alle Teilnehmer dieses tropischen Vogelkonzerts tönen dem Ohre unangenehm entgegen, manche lassen Wohllaute erklingen, die sehr ansprechend sind. So die reinen, wie abgestimmten Pfiffe, welche das Gegurgel und Geplärr der Krähenwürger durchsetzen, von denen sich der einfarbig schwarze Cracticus Quoyi am meisten hervorthut, so der melodische Glockenton einer Pirolart (Mimeta), und vor allem die vollen und abwechselnden drosselartigen Strophen einer Pinarolestesart, die den Namen »Neu-Guinea-Nachtigall« verdient und wie diese ein unscheinbares, braunes Vögelchen ist, das freilich zu einer ganz anderen Familie gehört. Mächtiges Rauschen, ähnlich dem Brausen einer Lokomotive, übertönt zuweilen das Gesamtkonzert und verwundert schaut der Neuling umher. Ein paar Nashornvögel (Buceros ruficollis) durcheilen die Luft und erzeugen durch die mächtigen Schläge ihrer kurzen Flügel jenes fremdartige, fast erschreckende Geräusch, so laut wie es kein Adler hervorbringt. Aber Raubvögel sind selten: einige schwarzohrige Milane (Milvus melanotis), ebenso träge als ihre schön gefärbten Vettern, Haliastur girrinera, sitzen hie und da auf dem dürren Aste eines Urwaldriesen, noch seltener sieht man einen weißbauchigen Seeadler (Haliaetus leucogaster), den größten Raubvogel Neu-Guineas, hoch in den Lüften seine Kreise beschreiben. Das ist so ungefähr alles, was sich von der Vogelwelt bemerkbar macht, denn wie der geschlossene Hochwald bei uns, so ist auch der Urwald ärmer als freieres Terrain. Aber wo bleiben die Paradiesvögel? höre ich fragen, von denen man sich in Neu-Guinea jeden Baum voll träumt. Ja! die hatte ich schon in Konstantinhafen gehört und gesehen, aber ich konnte sie so wenig erlangen als hier, denn es gab eben Wichtigeres zu thun. Übrigens ist es eine der Paradisea apoda und papuana verwandte Art mit gelben Seitenbüscheln, wie mir die wenigen von den Eingeborenen gebrachten schlechten Bälge zeigten, bei denen der Vogel hier »Do« heißt.

Wie zu erwarten, dauerte die wohlthuende Ruhe infolge des Fehlens der Eingeborenen nicht lange, denn fast mit den ersten Vogelstimmen, früh 5½ Uhr, hörten wir auch die unserer Freunde und Gönner von Grager, und bald hatte sich eine Anzahl Kanus um den Dampfer gesammelt. Ich konnte mich aber zu ihrem großen Leidwesen weniger mit ihnen beschäftigen, denn vor allem war uns an einer näheren Untersuchung des Hafens, seiner Dependenzen und Umgebung zu thun. In der letzteren Richtung ließ sich wenig thun, da ein Gürtel dichter Mangrove (Rhizophoren), welcher den Strand bildet, undurchdringliche Schranken setzt. In dem äußersten westlichen verschmälerten zipfeligen Ende des Hafens, der hier Korallriff zeigt und nur mit Boot passierbar ist, setzt ein schmaler Kanal in die Tiefe des Urwalds hinein. Wir befuhren ihn im Boot, blieben aber bald sitzen und überzeugten uns, daß hier keine Flußmündung sei. Das Wasser war brackig und in dem Dickicht der Nipapalmen, deren Wedel überall den Weg versperrten, kaum durchzudringen. Dabei rührte in dem fast stagnierendem Wasser jeder Ruderschlag neue moderige Dünste verfaulender Pflanzenstoffe auf; eine rechte echte Fieberluft, die man förmlich riechen konnte. Übrigens fanden wir die Spuren der Eingeborenen in betretenen Pfaden, die uns später zu wohlgepflegten Plantagen führten. Sie gehören den Inselbewohnern, denn das Festland um Friedrich-Wilhelms-Hafen scheint ganz unbewohnt zu sein. Der Boden ist auch in diesem Gebiet ein sehr fruchtbarer, dessen korallinische Bildung die allenthalben umherliegenden Koralltrümmer deutlich erkennen lassen. Die Baumvegetation war eine entsprechend üppige, aber das Auge sucht vergebens nach jenen lieblichen Kindern Floras, den Blumen, die so mannigfach abwechselnd unsere Wälder zieren. Hie und da sieht man ein lilienartiges Staudengewächs mit plumper Blume, oder hoch in dem Gelaube die schön roten Blumen gewisser Schlingpflanzen guirlandenartig von Baum zu Baum ranken; seltener eine Orchidee. Diese Blumenarmut ist eben für alle Urwälder dieser Tropenregion charakteristisch, wie der Reichtum an Lianen und anderen Schlingpflanzen. Letztere umstricken große Bäume häufig so dicht, daß die sonst schönen Formen bizarr und phantastisch aussehen. Die zahllos herabhängenden, oft armsdicken Enden, und die dünnen, mit häßlichen feinen Dornen besetzten Ranken bereiten häufig unüberwindliche Hindernisse. Diese rankenden Lianen, die sich anfangs, unschuldig wie unser Epheu, gleichsam schutzsuchend, an dem Baumstamme emporwinden, saugen an seinem Lebensmark bis sie ihn schließlich ganz ersticken. Hunderte von Parasitenarmen, zu gewaltiger Dicke angewachsen, umklammern und halten den morschen Riesen noch zusammen, an dessen Zerstörung Milliarden geschäftiger Ameisen mithelfen, bis ihn ein Windstoß ganz zu Boden streckt. Das ist so in wenigen Strichen das Bild eines Urwaldes, wie ich es im großen und ganzen überall in jenen Regionen fand, und das meist sehr von den Vorstellungen abweicht, welche sich der Laie macht. Ja, diese Urwälder sind großartig, interessant durch die Menge neuer Eindrücke, welche sie dem Neuling bieten, der manche Begriffe von Baumwuchs, Üppigkeit und Vegetationsfülle zu verbessern haben wird, aber ein harmonisches Ganzes wie unsere Hochwälder bieten sie nicht. Wer so lange, wie ich, in diesen Urwäldern lebte, unter ihnen seine Hütte aufschlug und täglich mit Schling- und Rankengewächsen zu kämpfen hatte, wie dies bei meinem früheren Aufenthalte an der Südostküste Neu-Guineas und der Kap Yorkhalbinsel der Fall war, dem werden die heimischen Wälder erst recht lieb geworden sein und nach allen meinen Welterfahrungen muß ich offen bekennen: »Der deutsche Wald ist der schönste!« Freilich ist das ein individuell-nationales Urteil, in welches nicht alle einstimmen werden und brauchen. Ich erinnere mich hierbei eines geborenen Australiers, eines Kolonisten aus Neu-Süd-Wales, mit dem ich von Melbourne nach Sydney reiste. Er kam eben von einer Vergnügungstour aus Europa, und war auch in Deutschland gewesen. Aber unsere schönen Eichen und Buchen hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht; das Herz ging ihm erst auf, als er die unschönen Eukalypten mit ihren sperrigen Ästen, der zerfetzten Rinde und graugrünlichen dünnen Belaubung sah, — »the finest trees in the world!« —