Es war sehr schwer, sich über die hydrographische Beschaffenheit unseres neuen Gebietes zu orientieren, und wir vermißten schon hier, wie später noch so oft, den Mangel einer Dampfbarkasse auf das schmerzlichste. Aber die meist unter Führung von Kapitän Dallmann unternommenen Bootfahrten machten uns mit den Gewässern nördlich bis über die Insel Tiar hinaus bekannt und zeigten uns die unrichtige Lage der »Thirty Islands« nach der flüchtigen Aufnahme der russischen Kriegsschiffe (Admirality Chart No. 1084), bis dahin dem einzigen kartographischen Hilfsmittel. Nördlich von unserer nächsten Insel Bilia (Eickstedt-Insel der deutschen Karte), die durch eine so schmale Bootspassage vom Festlande getrennt ist, daß die Zweige der beiderseitigen Bäume ein förmliches Dach bilden, öffnet sich ein zweites geräumiges Bassin, welches sich trefflich als Hafen eignet und später von unseren Kriegsschiffen »Prinz-Heinrich-Hafen« genannt wurde. Dieser Hafen erhält nordöstlich durch eine etwas größere Insel (Götz-Insel) und eine ganz kleine (Koch-Insel), beide dichtbewaldet und unbewohnt, und das dieselbe verbindende Korallriff, vollkommenen Schutz und ist nur durch die Dallmann-Einfahrt zugänglich. Beide Häfen bilden prächtige Verstecke, in welchen sich viele Schiffe verbergen können. Nördlich von der Koch-Insel bis Tiar (Aly-Insel der deutschen Karten) sind viele flache Stellen; östlich ziehen sich Riffe hin, mit heftiger Brandung, sichtbaren Treibholzstämmen und einem schwarzen Felsen, wodurch unseren beiden Häfen eine zweite Schutzmauer gesichert ist. Zugleich wird dadurch eine Einfahrt nördlich von Grager kaum möglich, in welcher Richtung noch zwei weitere Inseln zu folgen scheinen, die aber nach den Aufnahmen unserer Kriegsschiffe nur Teile der ersteren sind. Im übrigen haben die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe sich ungefähr in denselben Grenzen gehalten, welche wir mit unserem Segelboot erreichten und ebensowenig als wir eine Flußmündung entdeckt. Übrigens fehlt es nicht ganz an Frischwasser, und es sind wenigstens Tümpel mit solchen vorhanden. Ein Fluß könnte möglicherweise etwas westlich von Tiar münden; wenigstens deuten dichte Bestände von Nipapalmen darauf hin. Wir konnten aber die seichte Bucht nicht näher untersuchen, in der wir, wie schon vorher in einer Seitenbucht von Friedrich-Wilhelms-Hafen, Vorrichtungen zum Fischfang bemerkten, die wir nicht zerstören wollten. Ein dichtes Rickelwerk von eingesteckten Pfählen hinderte den Durchgang, wie für uns so für Fische, und führte die letzteren in Reusen, mit welchen die freigelassenen Öffnungen versehen waren, ganz in der Weise, wie dies allenthalben geschieht.
Nach von Maclay besteht der Archipel aus etlichen dreißig Inseln, aber ich vermochte mir auch bei den Eingeborenen keine Aufklärung zu verschaffen. Ein jedenfalls sehr bewanderter Mann nannte mir zweiundvierzig Namen, die wohl aber weniger Inseln, sondern die oft sehr kleinen, nur aus ein paar Häusern bestehenden Siedelungen betreffen. Ein anderer wußte siebenundzwanzig, ein dritter nur sechs Namen aufzuzählen, die ich aber ohne weiteres übergehen kann, da sie hier doch keinerlei Interesse haben. Aus den Nachrichten der Eingeborenen schien übrigens hervorzugehen, daß die unmittelbare Umgebung der beiden Häfen nicht bewohnt ist, daß aber weiter nördlich »Panu«, Dörfer vorkommen. Nach unseren Erfahrungen dürfte der die Häfen einfassende Urwaldgürtel nicht allzubreit sein und dahinter sich vermutlich schönes Land finden. Wenigstens sahen wir auf den Hansemann-Bergen, die eine gute Landmarke für ansegelnde Schiffe bilden, zahlreiche »Kulturflecke«, d. h. Plantagen. Dies war bei einem späteren Besuch (Mai 1885), bei welchem wir ganz nahe unter der Küste dampfend einen besseren Einblick in diese so schwierigen hydrographischen Verhältnisse erlangten. Der Archipel der zufriedenen Menschen scheint sich von Kap Kusserow ca. 10 Meilen nördlich zu erstrecken, bis zu dem sogenannten Kap Juno von d'Urville, das sich nur schwer erkennen läßt. In diesem Gebiete zählte ich sechzehn kleine Inseln, die alle niedrig, anscheinend unbewohnt und dicht bewaldet sind, wie die Festlandsküste selbst, welche oft schwer zu unterscheiden ist. Verschiedene dieser Inseln sind durch Riff verbunden und dürften bei näherer Untersuchung vielleicht brauchbare Ankerplätze geben. Die Einfahrt zu einem anscheinend sehr geräumigen, trefflichen Hafen sah ich südlich von Juno-Point, wir hatten aber keine Zeit, denselben zu untersuchen, und mußten dies schon aus Mangel an einer Dampfbarkasse aufgeben. Wie ich später durch Güte von Herrn Friederichsen erfuhr, ist dieser Hafen im Jahre 1883 von dem russischen Kriegsschiff »Skobeleff« besucht und »Port Alexis«[27], die davor liegende Insel »Skobeleff« benannt worden. Ihr nördlichster Punkt wurde zu 5°, 4′, 6″ Süd und 145°, 48′, 21″ Ost bestimmt.
Hansemann-Berge (aus Nordost).
Haus auf Tiar.
Auf den von unserer Admiralität publizierten Karten sind nördlich von Grager (Fischel-Insel) nur zwei größere Inseln: Örtzen und Follenius, und zwischen beiden etwas westlich, eine kleine, Franz-Insel, verzeichnet, alle übrigen Inseln weiter nördlich aber weggelassen. Tiár, oder Dsiár, wie es manche Eingeborene aussprechen, (Aly-Insel der deutschen Karten) ist bedeutend kleiner als Grager, dicht bewaldet, mit wenig Kokospalmen, hat aber eine zahlreiche Bevölkerung, welche im Archipel eine dominierende Stellung zu behaupten scheint, denn auch die Grageriten fürchteten sich vor Tiar. An dem Sandstrande der Westseite landeten wir und besichtigten das Dorf. Die Häuser desselben liegen wie immer sehr zerstreut, sind groß, sehr gut gebaut und stehen niedrig auf Pfählen. Vor der Thür ist ein breiter, von dem seitlich weit herabhängenden Dach mit bedeckter Vorplatz, wie dies die beigegebene Abbildung am besten zeigen wird. Ich entdeckte auch das etwas abseits unter Bäumen versteckte Versammlungshaus der Männer, »Dasem« genannt. Es enthielt ein paar Holz-Signaltrommeln, hier »Do«, von kolossaler Größe (vergl. Atlas XIII. 1.), dadurch neu, daß an dem einen Ende ein großes Loch durchgebohrt war, um, wie die Männer andeuteten, einen Strick durchziehen und so das schwere Instrument leichter bewegen zu können. Außer den üblichen Unterkiefern von Schweinen, hing an einem der Querbalken eine Holzschnitzerei, wie ich sie bisher nicht gesehen hatte. Sie war ziemlich groß, aus einem Stück geschnitzt und stellte einen an den zusammengebundenen Vorderbeinen aufgehangenen, schwarz und weißen Hund oder vielmehr eine Hündin dar, wie drei Reihen Säugewarzen zeigten. Das Tier wurde »Agaun« genannt (Taf. XV. 2), aber wie ich erwartet hatte, nicht verkauft. Die Eingeborenen sahen es aber gern, daß ich ihr Kunstwerk abzeichnete. Die Bedeutung dieser merkwürdigen Figur, die nicht wohl im Zusammenhang mit Ahnenkultus stehen kann, vermochte ich natürlich nicht zu ergründen, aber Laune und Phantasie der Papuas schaffen zuweilen Werke der Holzbildnerei, die ihr Entstehen Zufälligkeiten zu verdanken haben und denen keine tiefere Bedeutung zu Grunde liegt. So sah ich in Neu-Britannien einmal ein Stammstück, auf welchem sehr kenntlich ein Haifisch in Relief ausgezimmert war. Ich dachte natürlich an Haifisch-Verehrung und dergl., erfuhr aber, daß bei Gelegenheit des Fanges eines großen Hais ein Kanaker zum Spaß dessen Bildnis gezimmert hatte, um für seinen Fleiß »Diwarra« (Muschelgeld) einzusammeln. Ähnlichen Ursprunges waren vielleicht die aus Holz geschnitzten Fische, welche wir auf Tiar nicht weit vom Versammlungshause entdeckten, und die, wie die Abbildung zeigt, ebenso sehr durch die Ausführung als namentlich auch die sonderbare Art der Aufstellung überraschten. Sie steckten oder hingen nämlich an langen und dicken Bamburohren, die einen freien Platz schmückten, der unter gewissem »Tabu« zu stehen schien, denn anfänglich wollten die Eingeborenen nicht dulden, daß ich mir das merkwürdige Denkmal näher betrachtete. Als sie aber sahen, daß ich nichts mitnahm, was sie vielleicht gefürchtet hatten, ließen sie mich ruhig zeichnen und verkauften mir sogar einen der Fische. Diese »Ji«, (= Fisch) (XV. 3) waren zum Teil in beträchtlicher Größe (60 cm bis 1 m 80 cm), aus einem Stück Holz gezimmert, bemalt und so natürlich nachgebildet, daß man an einzelnen die Gattung erkennen konnte. So unter anderen Makrele, Hemiramphus, Chaetodon, Pagrus — auch ein Delphin (Phocaena) war dabei. Eine solche, sehr deutlich wiedergegebene, Makrele, hielt einen anderen kleinen Fisch im Maul, eine andere einen Menschenkopf. Auch die Bemalung war im ganzen ziemlich naturgetreu; unter den benutzten Farben Grün bemerkenswert, weil es sonst so selten im Malkasten der Papuas vorkommt und metallischen Ursprungs zu sein scheint. — Holzschnitzereien von Fischen, die wir ja schon in Bilibili sahen, sind übrigens im ganzen Archipel häufig und offenbar Wahrzeichen des Fischereigewerbes, welches hier so sehr floriert. Dafür sprachen die schon erwähnten Reusen, die großen Fischnetze, welche besonders Tiar auszeichneten sowie hübsche Fischhaken »Aule«. Sie bestehen aus einem rundgeschliffenem Stifte aus Tridacna, an welchem mittelst Bindfaden ein Haken aus Schildpatt oder Bein befestigt ist, oder sind ganz aus Schildpatt. Diese Art Fischhaken (vergl. Atlas T. IX, 3–7) finden sich in derselben Weise an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas und weichen sehr erheblich von den in Mikronesien gebräuchlichen aus Perlmutter ab. Aber ich erhielt von Banab (Ocean-Island) Fischhaken, die sonderbarerweise in der Form ganz mit denen von Neu-Guinea übereinstimmen, nur daß der Stiel aus Kalkspat besteht, ein Beweis, wie unabhängig voneinander in verschiedenen Lokalitäten dieselben Erfindungen gemacht werden. Eiserne Angelhaken fanden übrigens nicht den Beifall der Eingeborenen, wie dies überall zuerst der Fall ist, wo sie den Vorteil derselben noch nicht kennen. Die Bewohner Tiars scheinen in Bezug auf Schiffsbau und Schiffahrt übrigens mit Bilibili zu rivalisieren, wie die am Strande liegenden Kanus zeigten. Sie stimmen in der Bauart ganz mit denen Bilibilis überein, haben aber keine S-förmig gebogenen Schnäbel, sondern an der Spitze ist ein gekrümmter Stock angebracht, an welchem Nautilus-Muscheln befestigt sind. Dieser letztere Schmuck soll übrigens nur Kanus von Häuptlingen zukommen.
Tabuplatz auf Tiar.
Bilia (Eickstedt-Insel) obwohl größer als Tiar, hat eine viel geringere Bevölkerung und ist in jeder Weise ärmer. Eine Gruppe Kokospalmen zeigte, wie immer, das Bewohntsein an, aber in dem dichten Walde, welcher die ganze Insel bekleidet, fanden wir das Dorf erst als wir die enge Einfahrt an der Nordostspitze entdeckten. Sie führt zu einer hübschen Lagune, welche das Centrum der Insel bildet, die dadurch ganz zu einem Miniatur-Atoll wird; nur daß das Festland viel höher als bei eigentlichen Atolls und mit gutem Boden bedeckt ist. An der Ostseite des inneren Lagunenrandes stehen die wenigen, ziemlich ärmlichen und kleinen Häuser (Aab) die nichts Bemerkenswertes zeigten. Die Leute waren sehr freundlich; nur ein Mann stellte sich sehr ungebärdig und schrie wie ein Verrückter — und war in der That ein solcher, übrigens eine seltene Erscheinung unter Eingeborenen, die mir nur wenigemal vorkam. — Töpferei wird auch auf Bilia betrieben, aber das Fabrikat ist nicht so schön als auf Bilibili. Ein Versammlungshaus war ebenfalls vorhanden, und hier entdeckte ich etwas Neues. Dieses Haus, Szirit genannt, war den Verhältnissen des Dorfes entsprechend klein, im Baustil gleich den großen auf Bilibili. Die beiden Giebelseiten waren fast ganz mit Mattengeflecht aus Kokosblatt zugedeckt, so daß nur eine kleine Thür zum Hineinkriechen frei blieb. In der offenen Giebelspitze hingen aus Holz geschnitzte Fische (hier Ing), ähnlich denen von Tiar, aber schlechter und kleiner. Im Inneren fehlte das bekannte Schlafgerüst (Barim) und die große Trommel (Do) nicht, aber ich entdeckte zufällig ein Gerät, welches die Eingeborenen sehr hochzuhalten schienen und das sie offenbar nur ungern in meinen Händen sahen. Es war dies ein ca. 30 cm langes flaches, spatelförmiges Stück Bambu, in der Form ganz wie ein Falzbein, auf der einen Seite mit fein eingraviertem, zierlichem Muster ornamentiert, von welchen ich schon früher an Bord eine ganze Menge eingehandelt hatte. Ich hielt diese »Tonde« genannten Spatel (vergl. Atlas V, 5, 6) anfänglich für sogenannte Kalklöffel; da sie aber nicht zu diesem Zweck benutzt wurden, glaubte ich, daß sie zum Aufbrechen von Betelnüssen oder dergleichen dienten. Angesichts der Geheimnisthuerei, mit welcher die hier aufbewahrten Spatel, »Tohn« genannt, behandelt wurden, erschien auch diese Deutung unzutreffend, denn niemals sind mir Gegenstände vorgekommen, die von den Eingeborenen offenbar so hoch verehrt wurden als diese. Trotz hoher Gebote wurde nicht einer der zwölf Tohn abgegeben, obwohl dieselben Instrumente außerhalb des Szirit von Bilia kaum von Wert schienen. Zweck und Bedeutung sind mir daher nie recht klar geworden, und erst später fiel es mir ein, daß die Tohn vielleicht mit der Beschneidung, welche auch auf einigen Inseln dieses Archipels herrscht, in Beziehung stehen mögen, obwohl dies aus verschiedenen anderen Gründen kaum glaublich scheint. Wahrscheinlicher dürfte sein, daß sie gleich unseren Spachteln zum Bereiten der roten Farbe (Behm), resp. zum Bemalen dienen, wie das vertiefte Muster in Wahrheit als Stempel benutzt wird, um mit Kalk bepudert als Festschmuck auf die Backen gedruckt zu werden. Rote Farbe, Federschmuck und andere Putzrequisiten waren neben den Tohn im Szirit vorhanden, das ja wie alle diese Versammlungshäuser den Vorbereitungen, zum Teil den Festen der Männer selbst gilt. Wenn die Papuas Neu-Guineas auch kein rechtes Wort für das »Tabu« der Ozeanier zu haben scheinen, so ist die Sitte doch vorhanden. Nicht nur Gegenstände, sondern Häuser, Bäume, ja gewisse Distrikte können für kürzere oder längere Zeit unter »Tabu« gestellt, d. h. unantastbar gemacht werden, wie z. B. zeitweilig die Kokospalmen. Für das weibliche Geschlecht sind die Versammlungshäuser stets tabu, wie das meiste, was sie enthalten. So dürfen, wie ich dies schon in Neu-Britannien beobachtete, gewisse Musikinstrumente der Männer, vor allem die großen Signaltrommeln, nie von einem Weiberauge gesehen werden. Wenn daher auch Frauen ungescheut beim Versammlungshause vorübergehen oder vor demselben stehen bleiben, das Innere betreten sie nicht. Man hat ihnen davor eine so große Furcht eingeflößt, daß jede Frau glaubt, der bloße Anblick einer Trommel würde genügen, sie zu töten, ja selbst der Ton wirkt schon erschreckend und treibt die Weiber in das Innere ihrer Hütten. Diese Furcht hat nichts mit Götzenkultus, Heilighaltung und dergleichen zu thun, sondern ist von den Männern nur aus Klugheit ersonnen worden, damit sie ungestört von den Frauen und Kindern ihre Feste feiern und ihre Schmausereien halten können. Damit erklärt sich das mysteriöse Dunkel sehr einfach und praktisch. Und vergessen wir doch nicht, daß im Leben der Kulturmenschen die Männerwelt vielfach bevorzugt ist und in ihren Klubs, Logen u. s. w. heitere und ernste Versammlungen abhält, an denen die Damen nicht teilnehmen dürfen und die für sie ebenfalls »tabu« sind.