Trotz des von Siedelungen abgelegenen Ankerplatzes war es doch stets lebendig um die Samoa; das Kommen und Gehen von Kanus nahm kein Ende. Alle wollten gern schachern, aber an Lebensmitteln (Taro, Jams, Kokosnüssen) wurde trotz des anscheinenden Überflusses kaum Nennenswertes gebracht. Dabei zeigte sich, wie dies stets der Fall ist, die gegenseitige Eifersucht der Insulaner untereinander; die Grageriten warnten vor Tiar, die Tiariten vor Grager, alle machten sich gegenseitig schlecht und keiner gönnte dem anderen etwas. Ja, auch diese »zufriedenen« Menschen schienen öfters recht unzufrieden, und Streitigkeiten, die mit den Waffen ausgefochten werden, kommen ebenfalls vor. Lebt doch nirgends der Naturmensch in jener paradiesischen Unschuld und Glückseligkeit, in welcher Rousseau und andere Schwärmer denselben schildern, und überall hat der Mensch im Kampfe ums Dasein zu streiten.

Die zufriedenen Menschen sind übrigens in ihren Rassencharakteren echte Papuas, erschienen aber, wie die Bilibiliten, kräftiger und ein feinerer Menschenschlag als die Bewohner von Port Konstantin, hauptsächlich wohl infolge der besseren Ernährungsverhältnisse. Die Höhe der von mir gemessenen Männer bewegte sich zwischen 1,47 und 1,62 Meter. Wir kamen übrigens trefflich mit den Leuten aus, und wie wir sie an Bord der Samoa gut behandelten, so erwiderten sie dies in ihren Dörfern. Freilich zeigten sich die Frauen (Pein) nur verstohlen, aber nach und nach kamen sie mit ihren Männern längsseit, um sich das fremde Ungeheuer und dessen Bewohner anzusehen. Wie ich dies schon in Astrolabe-Bai bemerkt hatte, scheint auch hier, dem sonstigen Brauch vieler Melanesier entgegen, keine Vielweiberei zu herrschen, denn immer stellte uns der Mann nur eine bessere Hälfte vor. Die Leute führen also einen sehr moralischen Lebenswandel, wie ich dies bei allen von der Civilisation noch unberührten Eingeborenen gefunden habe. Dabei herrscht eine Decenz, die vielen Kulturmenschen zum Muster dienen könnte. Als sich einst einer unserer Leute beim Baden unbekleidet zeigte, verbargen alle Frauen und Mädchen scheu ihre Gesichter, und ich will diesen einen Fall nur deshalb anführen, weil man gewöhnlich geneigt ist, von sogenannten Wilden gerade ein entgegengesetztes Betragen vorauszusetzen.

Junges Mädchen.

Die Eitelkeit des weiblichen Geschlechts verleugnete sich auch bei diesen Naturkindern nicht, die in ihrem schönsten Staat erschienen, wovon die nachfolgende Abbildung eines jungen Mädchens eine Probe giebt. Die Frauen trugen ihre besten Grasröcke, »Nai«, junge Mädchen vorn und hinten ein buntes Schürzchen (ähnlich T. XVI 9) zuweilen mehrere volantartig übereinander, welche die hübschen braunen Gestalten in der That gut kleideten. Und so ein bißchen Kokettieren verstehen selbst Papuamädchen, das ist ein Erbteil des ganzen weiblichen Geschlechts! Das Haar hing in sorgfältig gedrehten dünnen Strähnen, gleich Polkalöckchen, vorn bis zu den Augen, hinten bis in den Nacken herab und glänzte im schönsten Rot. Schon daran konnte man die Wohlhabenheit erkennen, an dem sonstigen Ausputz aber Reichtum. Den Hals zierten lange Schnüre aufgereihter Samenkerne von Coix lacryma, die an matte Schmelzperlen erinnern, die Brust mehrere große flache Ringe aus dem Basisteil eines Conus, ebensolche waren an den breiten Arm- und Kniebändern aus rotem oder gelbem Grasgeflecht befestigt. Ich habe selten in Neu-Guinea so reich geschmückte Mädchen gesehen als hier, aber es war nur eine Ausnahme, die der besonderen feierlichen Gelegenheit galt. Die Männer hatten mit Beendigung der Feste bereits wieder ihr Alltagsgewand angelegt, d. h. einen gewöhnlichen Lendenschurz, Mal, umgebunden; Armband und Halsstrickchen vollendeten das einfache Kostüm. Ein etwa fingerdicker Halsstrick bezeichnete übrigens einen Häuptling oder angesehenen Mann überhaupt und war unverkäuflich. An Waffen hatten sie Überfluß und verkauften davon am liebsten. Ihre Waffen sind übrigens dieselben als in ganz Astrolabe-Bai (Wurfspeer, Bogen »Fi«, Pfeil »Tu«), aber besser gearbeitet als z. B. in Bongu. Ungern gaben sie dagegen die schön mit erhabener Schnitzerei verzierten runden Schilde her, die ganz so sind, wie die auf Bilibili, die aber hier »Gubir« oder »Gubil« (Taf. XII, 1) heißen, da r und l meist gleichlauten wie in allen Papuasprachen. Die Kunstfertigkeit in Holzarbeiten zeigten besonders die sanduhrförmigen Handtrommeln (Dubuag oder Dugag), deren Henkel zuweilen sehr geschmackvoll durchbrochen gearbeitet waren (vergl. T. XIII 2 u. 3), und kahnförmige oder ovale Schüsseln, Tabir, die mit zu den Wertgegenständen gehören, z. B. den Brautpreis hauptsächlich mit ausmachen. Diese Tabir sind sehr sauber gefertigt, am Rande mit erhabener Schnitzerei verziert und mit einer glänzenden metallischen Masse geschwärzt, die Mangan oder Graphit zu sein scheint. Alle diese Gegenstände waren Repräsentanten der Steinperiode, welche bei unserem Besuche in Friedrich-Wilhelms-Hafen noch voll und ganz herrschte. Von dem durch die Russen zurückgelassenen Eisen sahen wir nichts mehr. Die hiesigen Steinäxte, »Ihr«, sind übrigens ganz so wie die in Bongu.

An Lebensmitteln war kaum etwas zu erlangen, und ohne eigene Vorräte kann der Fremde in diesen reichen Tropengebieten beinahe verhungern. Diese überall in Neu-Guinea herrschende Knappheit an Nahrungsmitteln des Landes ist auch für Inlandexpeditionen, namentlich im Hinblick auf das eingeborene Trägerpersonal, sehr hinderlich und erschwert solche ungemein. Jams heißt in Friedrich-Wilhelms-Hafen »Dabel«, Banane »Fud«, Betel »Jeb«, Schwein »Bor« oder »Bol«, Kokosnuß »Niu«, letzteres ein polynesisches Wort, aber weit über Neu-Guinea verbreitet. Ich führe diese wenigen Wörter nur an, um die große Verschiedenheit der Sprache von Grager und Bongu zu zeigen, Lokalitäten, die kaum 20 Meilen entfernt voneinander liegen und zwischen denen noch fünf oder sechs verschiedene Dialekte gesprochen werden; zugleich ein Beispiel des heillosen Sprachgewirrs in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt.

Um für die etwa nachfolgenden Kriegsschiffe Zeichen unseres Besuches zu hinterlassen, beschlossen wir eine Flagge aufzuhissen und klärten zu diesem Zweck eine Stelle auf der die Südseite von Friedrich-Wilhelms-Hafen bildenden Halbinsel, die später auch von den deutschen Kriegsschiffen benutzt und »Flaggenhalbinsel« benannt wurde. Die Eingeborenen sahen diesen Arbeiten mit Vergnügen zu, denn nichts imponierte ihnen mehr als die Wirkung der eisernen Haugeräte. Ja, das ging freilich schneller als mit ihren Steinäxten, und es gab allemal ein lautes Freudengeschrei, wenn unter den Schlägen der schweren amerikanischen Äxte ein großer Baum sich neigte und krachend zusammenbrach, mit seinem Falle andere Bäume niederschmetternd. Wir hatten zu thun, um die Kanus in gehöriger Entfernung zu halten. Denn daß Bäume so schnell gefällt werden konnten, schien den Eingeborenen unglaublich, und sie stoben erst in wilder Flucht auseinander, wenn das erste Geknister das baldige Fallen signalisierte. Als eine besondere Auszeichnung wurde es betrachtet, wenn ich dem einen oder anderen ein Beil anvertraute, denn alle wollten sich gern mit an dem Vernichtungswerk beteiligen. Aber die Kräfte der Eingeborenen reichten nur hin, um dünneres Unterholz, Äste und dergleichen abzuhauen, denn abgesehen, daß sie ein Beil überhaupt nur schlecht zu hantieren verstanden, so fehlte es ihnen namentlich an physischer Stärke, denn alle diese Naturmenschen haben ihre Muskeln wenig ausgebildet und sind infolgedessen nur schwach. Mit betrübtem Gesicht legten die meisten nach wenigen Schlägen die Äxte nieder und deuteten an, daß diese ihnen zu schwer seien. Ja, die Eingeborenen selbst werden bei der einstigen Urbarmachung und Klärung dieses Landes wohl wenig nützen, und man wird, wie überall, auf ihre Hilfe nicht sehr zu rechnen haben. Romillys drastische Neubenennung des »Archipel der zufriedenen Menschen« in »Archipelago of useless idle men« trifft mit wenig Worten das Richtige, und er kennt Kanaker besser als irgend jemand. Große Freude erregte das Aufhissen der Flagge selbst, deren Farben (schwarz »sed«, weiß »ruo«, rot »fiar«) den Eingeborenen besonders zu gefallen schienen, weil es dieselben sind, welche sie kennen. Bald sollten sie ganz unter den Schutz dieser mächtigen Trikolore gestellt werden, denn gerade einen Monat später (am 20. November 1884) entfaltete sich an derselben Stelle die Flagge der deutschen Kriegsmarine.

Wir hatten zum großen Leidwesen das von den Eingeborenen so sehr gewünschte und erwartete Panu (Dorf) nicht gebaut, und mußten sie auf »Wiederkommen« vertrösten, wofür schon die Flagge bürgte, die ich den ersten Häuptlingen Malbag, Szebog, Telom von Grager, Kuram von Bilia, Karun und Amang von Tiar übergab, welche, wie wir später sehen werden, in vollem Verständnis trefflich für die Erhaltung sorgten. So verließen wir denn Friedrich-Wilhelms-Hafen, eine Kanuflottille mit fröhlichen Eingeborenen im Schlepptau, die alle »o! Maclay! ujan-ujan« (sehr gut) riefen und uns erst in der Dallmann-Einfahrt verließen.


[Viertes Kapitel.]
Längs der Maclayküste.