Küste bis Kap Croissilles. — Es giebt kein Kap Duperrey. — Karkar, oder Dampier-Insel. — Wir umschiffen dieselbe. — Neues »Giebacht-Inselchen«. — Eingeborene. — Zusammentreffen mit denselben. — Treffliche Lokalitäten für Deportation. — Bismarck-Gebirge. — Längs der Maclayküste. — Geringe Kenntnis derselben. — Gabinafluß. — Vulkanische Anzeichen. — Küstengebirge. — Schönes Land. — Spärlich bevölkert. — Kleine und verlassene Dörfer. — Sareuak-Buchtung. — Erste Begegnung mit Eingeborenen. — Finisterre-Gebirge. — Heimatliche Landschaft. — Pfahldörfer. — Teliata-Huk. — Das merkwürdige Terrassenland. — Exkursion dahin. — Dallmannfluß. — Die Terrassen sind gehobener Korallfels — haben ausgezeichneten Boden — trefflich für Weiden. — Temperatur. — Geringes Tierleben. — Basilisk-Gorge — Rook und Lottin. — Cape King William nicht aufzufinden. — Auffallende Schluchten. — »Meerfall«. — »Kanzel«. — »Bienenkorb«. — Festungs-Huk. — Siedelungen schwer bemerkbar. — Geringe Bevölkerung. — Zusammentreffen mit derselben — deren Verwandtschaft mit Huon-Golf. — Keine Menschenfresser. — Andenken Verstorbener. — Rückblick auf die Maclayküste. — Vorzüge derselben. — Keine Häfen. — Hinüber nach Neu-Britannien. — Unrichtigkeit der Karten. — Längs der unbekannten Südküste — verspricht wenig. — »Hansabucht«. — Eingeborene. — Rückkehr nach Mioko.

Karkar, Dampiers »Isle Brûlante«, die später den Namen dieses großen Seefahrers erhielt, war unser nächstes Ziel und schien angesichts der so kärglichen Nachrichten über dieselbe wohl einer Rekognoszierung wert. Wir dampften nordwärts bis Kap Croissilles hinauf, längs einer Küste, die einen ganz anderen Charakter als die bisher gesehene von Astrolabe-Bai zeigte. Sie erscheint wie ein ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, an welches sich weiter inland niedrigere Bergketten anschließen. Kokospalmen fehlen diesem Gebiete leider fast ganz und damit auch der Mensch, dessen Existenz mit dem Vorkommen und der Häufigkeit der ersteren in so innigem Zusammenhange steht. Nur gegen das Kap zu bemerkten wir unter dem Schatten einiger Kokospalmen ein Dorf; die Bevölkerung dieses ca. 15 Meilen langen Küstenstriches ist daher jedenfalls nur sehr spärlich. Die Ungenauigkeit der vorhandenen Karten wurde uns schon auf dieser kurzen Strecke klar. Vergebens suchten wir Kap Duperrey[28] und auch Kap Croissilles markiert sich in der gleichförmigen Küstenlandschaft nur wenig.

Dampier-Insel erscheint vom Süden aus gesehen wie ein mächtiger, dicht bewaldeter, stumpfer Kegel, dessen Höhe auf 5000 Fuß angegeben wird und der schon in weiter Ferne die vulkanische Bildung deutlich erkennen läßt. Als Dampier Anfang 1700 die Insel entdeckte, fand er den Vulkan in voller Thätigkeit und gab der Insel deshalb den Namen die »brennende«. Jetzt ist der Krater längst erloschen; nur die den Spitzenteil verhüllenden Wolken, welche meist hier lagern, erinnern zuweilen an mächtigen Rauch.

Wie es scheint ist die Insel seit Dampier nicht mehr betreten worden, und auch wir mußten uns auf eine Umschiffung derselben beschränken, denn nirgends fanden wir einen Hafen- oder Ankerplatz, noch sonst eine Stelle, welche aus praktischen Gründen zu einer Landung verleiten konnte. Überall zeigte sich dichter Urwald, von der Wasserkante des Ufers bis zur höchsten Spitze, in einer Üppigkeit wie man selten Urwald zu sehen bekommt, nirgends geklärte Stellen mit Plantagen, selten flacheres Vorland und dann nur in geringerer Ausdehnung. An der Nordwestseite der Insel sahen wir hie und da felsiges Steilufer, Basalt, aus dem die Insel zu bestehen scheint. Nur wenige Male hatten wir Korallriffen auszuweichen, aber an der Nordspitze entdeckten wir kaum eine halbe Seemeile von der Küste ein kleines Inselchen, das keine Karte verzeichnet, und von welchem sich ca. 3 Seemeilen ein Riff mit Brandung und einem einzelnen kahlen schwarzen Fels nach Ost hinzieht. Ich benannte das Inselchen, immerhin groß genug um das größte Schiff zum Scheitern zu bringen, »Giebacht-Insel«. Vom Norden aus gesehen, bietet Dampier übrigens ein ganz anderes Bild als vom Süden und erscheint als ein langgestreckter Gebirgsrücken mit zwei hohen stumpfen Kegeln, beides erloschene Vulkane.

Wir waren an der Leeseite, also von West nach Ost um die Insel gegangen und beobachteten nur an dieser unbedeutende Siedelungen der Eingeborenen; die Ostseite schien unbewohnt. Die größte der westlichen Siedelungen zählte etwa 10 Häuser, die übrigen zehn je 2–4 Häuser, verdienten also kaum den Namen von Dörfern. Aus der geringen Anzahl von Kokospalmen konnte man schon mit ziemlicher Sicherheit auf die geringe Bevölkerung schließen, wie sich das meist überall wiederholt. Einzelne Siedelungen besaßen kaum mehr als etliche, die größte nur 30 Kokospalmen, das war alles!

Die wenigen Eingeborenen, welche uns am Ufer mit Staunen betrachteten, gaben sich durch Schreien alle erdenkliche Mühe uns an Land einzuladen, aber nur bei dem einen Dorfe kamen etliche Kanus ab, so daß wir die Maschine stoppten, um die Leutchen kennen zu lernen. »Oh! Maclay« war ihr erstes Wort und »Kai« (Eisen) ihr zweites, dies aber auch alles was ich verstand, denn auf Karkar wird eine ganz andere Sprache gesprochen. Sie klang viel rauher als in Astrolabe; dabei schrieen und spektakelten die Leute sehr viel, so daß man oft kaum das eigene Wort verstehen konnte.

Armselig wie ihre, roh aus einem Baumstamm gezimmerten, Kanus waren die Insassen selbst. Sie brachten nichts als ein paar alte vertrocknete Kokosnüsse, einige Betelnüsse und Tabakblätter, hatten aber keinerlei Waffen und von sonstigen Arbeiten nicht viel mehr. Dabei wollten sie für jeden schlechten Bambukamm oder Kalkkalebasse nur Hobeleisen haben. Einer hatte es auf meinen Feldstecher abgesehen und verlangte, daß ich ihm denselben ins Kanu reichen sollte, denn an Bord wagte sich keiner. Nun habe ich Eingeborenen stets gern Spaß gemacht, und mir war auch wegen des Zurückgebens nicht bange, aber ich wußte auch, daß diese Freundlichkeit nur unnützen Zeitverlust bereiten würde. Hat nämlich der eine durchgesehen und wirklich etwas gesehen, denn gewöhnlich wird das Glas soweit ab oder so dicht gehalten, daß überhaupt nichts gesehen werden kann, dann will jeder in das geheimnisvolle Ding gucken und die Sache nimmt kein Ende. Zudem lassen die meist nicht sehr reinlichen Finger Spuren zurück, an deren Vertilgung man lange putzen kann.

Äußerlich unterschieden sich übrigens diese Insulaner durch nichts von den Bewohnern des Festlandes; es gab dunkle und hellgefärbte, und auch hier schienen die Gatessi, d. h. lang in den Nacken herabhängende Zottelstränge, eine besondere Zier. Außer dieser besaßen sie aber nicht viel: ein schlechter Lendengurt (Mal), dito Armband, ein dünner Nasenpflock aus einem Rohrstäbchen, etliche Schildpattohrringe, nebst Bambukamm und der Ausputz ist fertig. Einzelne hatten die Haarkämme mit Büscheln Kasuarfedern verziert, ein Beweis, daß die Insulaner mit den Küstenbewohnern in Verkehr stehen, wofür auch drei große Kanus, in der Bauart ganz mit solchen von Bilibili übereinstimmend, sprachen, die ich am Ufer bemerkte.

Wir hatten ca. 6 Stunden Zeit gebraucht, um von der Südspitze bis zur Mitte der Ostseite zu dampfen, und schon daraus wird man ersehen, daß Dampier-Insel nicht ganz so klein ist. In der That beträgt ihr Längsdurchmesser ca. 20 Meilen (= 5 deutsche M.) ihr Flächeninhalt 272 qkm., ist also immerhin noch etwas bedeutender als der der Freien- und Hansestadt Bremen. Letztere zählt aber über 150000 Bewohner, Dampier nach meiner allerdings nur oberflächlichen Schätzung, denn Volkszählungen sind in allen diesen Gebieten noch nie gemacht worden, wenn's hoch kommt — 500! Da können allerdings noch viel Menschen Platz und ausreichend Nahrung finden, denn ohne Zweifel ist die Insel äußerst fruchtbar, und in gewisser Höhe auch gesund. Aber schwerlich werden sich freiwillige Zuzügler finden, um die Urwälder zu lichten; eben kein kleines Stück Arbeit! — Und doch könnte es gehen, — so meditierte ich angesichts der Insel, — wenn man jene Freiwilligen aufforderte, welche die unfreiwillige Arbeit in Kerkermauern gern mit solcher in Gottes freier Natur vertauschen würden. »Eine Verbrecherkolonie«? höre ich viele im stillen ausrufen! — Nun ja denn! eine Verbrecherkolonie oder besser Deportation solcher Freiwilligen unserer überfüllten Zuchthäuser, die für den Rest ihres Lebens dem Kulturstaate nur eine Last sind, in solchen neuen Gebieten aber noch ganz nützlich werden könnten, sowohl dem großen Ganzen, als sich selbst. Wer die Geschichte der Gründung Australiens kennt, wird wissen, welchen gewichtigen Faktor das Deportationssystem in den ersten Jahrzehnten der Kolonien durch die Beschickung mit billigen Arbeitskräften einnahm. In der That so wichtig, daß die jüngste Kolonie, West-Australien, noch in den vierziger Jahren beim Parlament[29] um Deportierte petitionierte, weil es eben an Arbeitern mangelte. Und diese werden für jedes neue Kolonisationsgebiet stets die Lebensfrage bleiben, am dringendsten jedoch für ein Land mit so geringer und für Arbeit in unserem Sinne nicht geeigneter Bevölkerung als Neu Guinea. Da würde ein Depot brauchbarer Arbeiter recht am Platze sein, und Dampier-Insel oder Rook, oder eine andere jener isolierten fruchtbaren Inseln unserer neuen Schutzgebiete, geeignete Localitäten zur Gründung eines solchen abgeben.

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung auf die Samoa zurück, die in früher Morgenstunde wieder nach der Küste zu dampft, in Sicht von Bilibili und Astrolabe-Bai, deren herrliche Landschaftsbilder gerade jetzt so schön hervortraten, wie noch nie. Die Kammlinien der Gebirge erschienen in derjenigen Klarheit, auf welche man in diesen Breiten meist nur gegen Sonnenaufgang, so gegen 6 Uhr, rechnen darf. Heut sahen wir alles in seltener Deutlichkeit vor uns liegen, ja dieselbe brachte eine unerwartete Überraschung. Weit hinter den uns schon bekannten Gebirgen ragte nämlich im Süden eine gewaltige Gebirgskette hervor, die wir früher nicht gesehen hatten und die wahrscheinlich überhaupt nur wenige[30] erblickt haben. Wir befanden uns damals noch ca. 25 Meilen von der Küste, aber dieses Gebirge mußte noch weit im Inneren, nach Schätzung an 70 bis 80 Meilen von uns abliegen, und dementsprechend taxierten wir die Höhe auf 14000–16000 Fuß! Wie unsere späteren Reisen zeigten ist diese Gebirgskette, die wir nur noch einmal zu sehen bekamen, die höchste an der ganzen Nordostküste von Neu-Guinea, und ich erlaubte mir deshalb sie zu Ehren unseres großen Reichskanzlers »Bismarck-Gebirge« zu benennen. Die Frage: »wie mag es dort aussehen«? drängte sich unwillkürlich in die Gedankenflut des stummen Bewunderers; ja, wer das beantworten könnte! Denn wie viele Zeit wird noch darüber hingehen, ehe der weiße Mann nur bis zum Fuße jener gewaltigen Gebirgskette vordringt, geschweige auf deren Scheitel gelangt.