Wir passierten Port Konstantin, nahe genug um unsere Flagge lustig winken zu sehen, und steuerten in östlichen Cours längs der Maclayküste (vergl. Karte [S. 30]). Sie erstreckt sich von Astrolabe-Bai bis Teliata-Huk, ca. 100 Meilen weit und wurde zuerst 1871 von dem russischen Reisenden von Miklucho-Maclay mit dem russischen Kriegsschiffe »Vitiaz« befahren, fünf Jahre später bei seinem zweiten siebzehnmonatlichen Aufenthalte näher durchforscht, trägt also seinen Namen mit Recht. Leider hat aber der Reisende selbst kaum mehr als eine flüchtige Notiz über seine Forschungen publiziert und Kapt. Moresby[31], der 1874 längs dieser Küste westwärts dampfte, sagt nicht mehr über dieselbe. Die folgenden Nachrichten dürften daher als die ersten ausführlicheren willkommen sein.

Gleich ostwärts von dem Dorfe Gumbu und Novosilsky-Point nimmt die Gegend einen total verschiedenen Charakter an. Der Urwald verschwindet vom Ufer und eine spärlich mit Krüppelholz bestandene Ebene tritt an die Stelle, welche treffliches Land für Kultur wie Viehzucht zu bieten und sehr der Beachtung wert scheint. In dieser Niederung sahen wir die Mündung zweier Flüsse, die jetzt in der trockenen Jahreszeit indes nur schmale Rinnsale bis ins Meer führten, in der Regenzeit aber sehr ansehnlich sind. So fanden wir bei einem spätern Besuch im Mai den westlichsten und größten Gabinafluß, gleich ost von Novosilsky-Huk, weithin das Meer trübend. Mit Maragum-Huk beginnen wieder Hügel und Berge, die gegen das, übrigens nur schwer erkennbare, Kap Rigny (Tevalib) und weiterhin bedeutend höher werden und zugleich einen sehr eigentümlichen Charakter bieten. Die Berge zeigen Schluchten, zuweilen jähe Spalten, mit senkrecht abfallenden Wänden, wie Erdrutsche; eine wilde, malerische Landschaft. Dabei fehlt an manchen Bergabhängen fast alle Vegetation und das Ganze macht den Eindruck, als wenn hier gewaltsame Veränderungen durch Erdbeben[32] stattgefunden hätten.

Wir waren am Abend bis etwa 6 Meilen ost von Cap Rigny gekommen und begannen unsere Fahrt mit Anbruch des folgenden Tages an derselben Stelle, eine Methode, die stets an unbekannten oder wenigbekannten Küsten von uns befolgt wurde, damit kein Teil derselben uns entgehen konnte. Die Landschaft blieb im ganzen dieselbe, aber das Gebirge wurde höher und zeigte bis auf die Kammhöhe dichte Baumvegetation. Diese Hauptkette ist sehr steil, von fast senkrechten Schlürfen und Rinnen durchsetzt und mag eine Höhe von 6000–7000 Fuß erreichen. Aber man sieht die Kammlinie auch an sonnenhellen Tagen selten frei, denn gewöhnlich sammeln sich schon gegen 8 Uhr die kleinen weißen Nebelflecke zu großen Wolken, die in weniger als einer Stunde den Scheitel des ganzen Gebirges ziemlich weit herab vollständig einhüllen. Häufig bleibt nur die Basis des Hauptstockes frei, aber an denselben lehnt sich ein dichtbewaldetes Mittelgebirge, das in ansehnliche grüne, mit Gras bedeckte Vorberge ausläuft, die sich sanft bis zum Meere herabsenken, dessen Ufer von einem schmalen dichten Baumgürtel eingefaßt wird. Dies ist so im wesentlichen der Hauptcharakter dieser Küstenlandschaft östlich von Kap Rigny und 10 Meilen über Lemtshug Point hinaus. Sie macht mit ihren ausgedehnten, infolge Abbrennens hie und da braun und schwarz gefleckten, grünen Matten, ihren mit Baumstreifen bestandenen Schluchten ganz den Eindruck kultivierten Landes und würde offenbar ausgezeichnetes Weideland abgeben. Aber diesem ganzen Küstenstrich schienen wie Kokospalmen so auch Menschen zu fehlen. Erst ca. 4 Meilen ost von Iris Point, das wir, ohne es mit Sicherheit ausmachen zu können, passiert hatten, sahen wir seit Gumbu das erste Haus, weiterhin die ersten Dörfer, wie alle Siedelungen stets schon von weitem an einer kleinen Gruppe Kokospalmen und jenen gelben Bäumen kenntlich, die ich bereits in Astrolabe-Bai erwähnte. Von nun an waren fast in jeder der sanften Buchtungen, die ohne bedeutendere Vorsprünge das Ufer bilden und charakteristisch für diese ganze Küste sind, Siedelungen bemerkbar, meist nur aus wenigen Häusern bestehend, überdies mehrere in Verfall oder bereits ganz verlassen. Da, wo sich bei den Häusern Menschen zeigten, schienen sie keine Kanus zu besitzen, denn erst in der Sareuak-Buchtung, einige 60 Meilen östlich von Port Konstantin, kam ein Kanu mit sieben Männern ab, deren: »oh! Maclay« schon von weitem entgegenschallte und die Bekanntschaft mit dem Reisenden bewies, dessen Namen wir übrigens weiter ostwärts nicht mehr nennen hörten.

Die Leute boten uns wahrscheinlich als Friedenszeichen ein paar kleine Kokosnüsse an und schienen überhaupt sehr ärmlich und schlecht genährt. Im Armband trugen sie Blätter des gelben Baumes, vermutlich auch Zeichen des Friedens, sonst nur Halsstrickchen und schlechte Schamgürtel (Mal). Sie führten Pfeil und Bogen mit sich, betrugen sich aber sehr still und bescheiden. Das einzige Interessante, was ich bei ihnen bemerkte, war ein mit Hundezähnen garnierter filetgestrickter Tragbeutel, der meinen begehrlichen Blicken aber gleich entzogen und selbst für ein Beil nicht hergegeben wurde. Ihr Kanu führte Mast und ein schlechtes Mattensegel; als Feuerplatz diente ein Topfscherben.

Wie Wolken die Hauptkette des an 7000 Fuß hohen Küstengebirges verhüllten, so verdeckte das letztere die mächtige Kette des Finisterre-Gebirges (Moresby's) selbst, das bei einem Abstande von 20 Meilen so nahe unter der Küste überhaupt nicht zu sehen ist. Aber als wir uns bei einem spätern Besuche in Astrolabe noch ca. 30 Meilen von der Küste befanden, da lag das Gebirge in voller Klarheit vor uns, zeigte aber in der ziemlich gleichmäßig verlaufenden Kammlinie so wenig Abwechselung, daß wir die höchsten über 11000 Fuß hohen Spitzen Kant und Schopenhauer Maclay's (resp. Gladstone und Disraeli von Moresby[33]) nur mit Mühe ausmachen konnten.

Westlich von der Sareuak-Buchtung beginnt wieder niedrigeres Vorland, das sich stellenweis zu Ebenen ausdehnt, die, wie die oft bis zum Meere herabreichenden 1000 bis 1200 Fuß hohen Vorberge, reich mit Gras bedeckt sind; alles sehr versprechendes Land von ganz europäischem Gepräge. In der That, es fehlen bloß Dörfer, Viehherden, Wege, und man könnte sich in die Heimat versetzt fühlen.

Auch an Wasser mangelt es nicht. In der jetzigen trockenen Jahreszeit zeigten sich die in den Schluchten herabkommenden Wasserläufe freilich nur als Bäche, aber immerhin war Wasser vorhanden, und das ist von größter Wichtigkeit. Wie schön würde sich dieses Land im Besitz von viehzüchtenden Stämmen entwickelt haben, aber die armen Papuas fanden außer dem Schwein kein zur Domestikation brauchbares Tier vor und mußten sich mit Anbau des Bodens begnügen. Bei der zweifellosen Fruchtbarkeit desselben überrascht die Spärlichkeit der Bevölkerung gerade dieses Gebietes und mag in besonderen außergewöhnlichen Ursachen ihren Grund haben. Angesichts der verfallenen und verlassenen Dörfer dachte ich an Verheerungen durch Erdbeben oder Epidemien und die in Konstantinhafen gesehenen Spuren von Pocken machen diese letztere Annahme nicht unwahrscheinlich.

Die bisher gesehenen Häuser waren ansehnlich groß, in der Bauart denen in Astrolabe-Bai ähnelnd, aber mit dem Dorfe Singor, ca. 90 Meilen ost von Port Konstantin, begegneten wir einem ganz anderen Baustile. Die schmalen Häuser, dicht aneinander gebaut, standen auf hohen Pfählen, glichen also ganz den Pfahldörfern, wie ich sie von Port Moresby her bereits kannte, nur daß sie nicht im Wasser, sondern auf dem Trockenen errichtet waren. Das größte derselben, Teliata, (Village Island der englischen Admiralitätskarte), vielleicht 20 Häuser zählend und überhaupt das größte an der ganzen Maclayküste, liegt auf einer kleinen, aus kahlem Korallfels gebildeten Insel, der ersten, die wir seit Bilibili trafen, die durch Riff mit der naheliegenden Teliata-Huk verbunden ist. Letztere (etwas über 100 Meilen ost von Port Konstantin) bildet den am meisten bemerkbaren Vorsprung, von welchem die Küste sich mehr O. S. O. wendet und wenige Meilen davon einen durchaus verschiedenen Landschaftscharakter annimmt, den der Terrassenbildung. Hinter dem mit Buschwerk, seltener einem Baumgürtel begrenzten, nicht sehr ausgedehntem Ufersaume, erhebt sich das Land in drei bis vier horizontalen, scharf abgesetzten Terrassen[34], die auf ihrem Scheitel breite Grasflächen bilden, deren oberste sanft ansteigend, allmählich mit dem Hauptstock des Küstengebirges verläuft. Das letztere ist sehr steil, dicht bewaldet, aber an seiner Basis, zuweilen weit hinauf, mit Gras bekleidet, wie die Terrassen selbst, die von zahlreichen Schluchten durchschnitten, nur längs diesen Baumpartien, oft längere bewaldete Säume zeigen. Die Höhe der Terrassen mag zwischen 800 bis 1000 Fuß betragen, sinkt aber an manchen Stellen bedeutend herab, so daß die erste Terrasse zuweilen das Meeresufer selbst bildet. Wir hatten schon einige Meilen westlich von Teliata-Huk Anfänge dieser merkwürdigen Bildung bemerkt, aber ein paar Meilen östlich davon zeigte sie sich wie mit einem Schlage in der prägnantesten Weise und setzte sich ununterbrochen über 20 Meilen weit nach Osten fort, ein Amphitheater, wie ich es nirgends in Neu Guinea, ja überhaupt der Welt zu sehen bekam.