Terrassenland mit Basiliskschlucht.
Eine Rekognoszierung dieses merkwürdigen Terrassenlandes schien schon deshalb sehr wünschenswert, um die geologische Beschaffenheit festzustellen, und so machten wir uns mit dem Notwendigsten ausgerüstet auf den Weg. Eine Sandbank nahe dem Ufer ließ auf eine Flußmündung schließen und versprach die Möglichkeit zu landen, was sonst an dieser Küste nicht immer leicht, oft ganz unmöglich ist. Wie erwartet, mündete gleich hinter der Sandbank der Fluß, auf dem unser Boot aber nur eine kurze Strecke vorwärts kam, denn bald befanden wir uns in einer Felsschlucht, in welcher der Fluß über mächtige Korallblöcke in Kaskaden herabbrauste, ein gar liebliches Rauschen, das wir lange nicht gehört hatten und welches nach dem fortwährenden Meeresbrausen gar sehr anheimelte. Dazu die malerische Umgebung. Zu beiden Seiten der Schlucht üppige Baumvegetation mit undurchdringlichen Lianen- und Unterholzdickichten und zuerst wieder Tierleben. Auf der ganzen Meerfahrt hatten sich nur einzelne Meerschwalben (Sterna Bergii) und braune Tölpel (Sula fusca) gezeigt, sonst nichts. Hier entwickelte sich ein ziemlich reiches Vogelleben; Kakadu und Edelpapageien (Eclectus) ließen sich hören, ein Seeadlerpärchen (Haliaetus leucogaster) erhob sich von dem Baume, auf dem das mächtige Nest stand, das Gurren der niedlichen Flaumfußtauben (Ptilopus) tönte aus dem Gelaube und auch an Kleingevögel fehlte es nicht. Wir füllten ein Fäßchen des herrlichen kühlen Wassers, um es dem guten Kapitän Dallmann mitzunehmen, dem zu Ehren ich den Fluß benannte, und gingen dann wieder zurück, um einen besseren Aufstieg der Terrassen aufzufinden. Vom Flusse mit seinen fast senkrechten Felswänden war dies eben nicht möglich; er bildete ein Chaos von Rollsteinen und Geschiebe, die Regengüsse mit herabgebracht hatten, und angespülte Baumstämme zeigten den beträchtlichen Hochwasserstand in der Regenzeit. Wie die Wände der Schlucht, so ließ gleich die erste, ca. 10 Fuß hohe Terrasse die geologische Beschaffenheit erkennen: dichten Korallfels! Ganz ebenso verhielt es sich mit der zweiten, an 30–40 Fuß hohen, schwieriger zu erklimmenden Terrassenstufe und soweit wir überhaupt kamen, vielleicht 400–500 Fuß.
Wie am Fuße Lager großer Austernschalen (Ostrea), so zeigten die auf den Flächen der Terrassen verstreuten Fragmente von Marinemuscheln überall den gehobenen Meeresboden, jedenfalls infolge vulkanischer Vorgänge. Derjenige, welcher diese merkwürdigen Terrassen selbst kennen lernte, wird kaum begreifen, wie Wilfred Powell hier Basaltformation und die großen Anhäufungen von Bimsstein gefunden haben will und wird auch in Bezug auf andere seiner Nachrichten[35] immer ernstere Bedenken nicht zu unterdrücken vermögen. An der korallinischen Felsbildung kann gar kein Zweifel sein. Sie unterschied sich in nichts von der, wie ich sie zur Genüge von den Atollen her kannte. Aber hier war der Fels nicht wie bei den letzteren von einer nur wenige Zoll hohen Humusschicht überzogen, sondern die Flächen der Terrassen trugen eine Bodenschicht, die bei mehr als zwei Fuß tiefen Graben kein Ende zeigte, und wie die später gemachten chemischen Untersuchungen[36] erwiesen, von ausgezeichneter Beschaffenheit ist. Dabei wurde der Boden, je höher wir kamen, um so besser und feiner und mit ihm das Gras. Letzteres erreicht im Ufervorlande fast Mannshöhe und ist von grober Beschaffenheit, eignet sich also nur für Rindvieh, während das kurze feinhalmige Gras der Terrassen trefflich für Schafe paßt. Er bildet übrigens keinen ununterbrochenen Rasenteppich, sondern steht büschelweis wie das sogenannte »Buffalogras« der Prairien, oder wie ich es am Haleakala auf der Insel Maui sah, wo Tausende von Schafen weiden. Wenn hier die unzähligen scharfkantigen Lavatrümmer das Begängnis der Schafe nicht hindern, so würden sich dieselben auch auf den Terrassen mit den vielen verwitterten Korallknollen, die dem Fußgänger zuweilen recht hinderlich sind, abzufinden wissen. Außer einer Schlingpflanze, ein paar anderen bescheidenen Blumen, und einzelnen Cycaspalmen, zeigte die Flora nichts Bemerkenswertes, aber die Ränder der Schluchten sind häufig mit Gebüsch und kleinen Baumgruppen gesäumt, welche Schafen trefflichen Schutz gegen die Mittagshitze bieten würden. Obwohl dieselbe 28° R. betrug, so war sie unter dem mildernden Einfluß einer hübschen Brise doch erträglich, aber als wir wieder in die Uferebene herab in die schwüle Luft einer Temperatur von 32° R. kamen, da war es schier zum Ersticken. Wir fanden hier einen kleinen Teich mit einem Dickicht von Schraubenbaum (Pandanus), in welchem weiße Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa) und bunte Sittiche (Eos fuscata) zu einem leider vergeblichen Jagdversuch reizten und somit die Hoffnung auf einen frischen Braten vereitelten. Das Jagen in den Tropen hat eben seine großen Schwierigkeiten, von denen man sich daheim schwer eine Vorstellung machen kann. Einige Wachteln (Coturnix sinensis), die unser Tritt aus dem Grase aufscheuchte, war alles Lebende, was wir auf den Terrassen erblickten. Außerdem bemerkten wir nur noch Fährten wilder Schweine, sahen uns aber vergebens nach Kängurus um, die übrigens hier nicht wohl zu erwarten waren. Sie lieben, soweit meine Erfahrungen in Neu-Guinea reichen, keine offenen Ebenen, sondern mehr kupiertes Terrain, während gewisse Arten (z. B. Dorcopsis luctuosus) nur den dichtesten Urwald bewohnen.
Nahe dem Teiche stießen wir auf einen Pfad und bemerkten später elf Eingeborene, die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten, aber keine Lust zeigten heranzukommen. Ich ließ einige kleine Geschenke zurück, um sie unserer guten Absichten zu versichern, und sie werden später wahrscheinlich ihre Zurückhaltung sehr bedauert haben.
Kanzel und Bienenkorb.
An Bord zurückgekehrt und wieder unter Dampf, wurde das Auge nicht müde, das malerische Terrassenland mit seinen braunen und grünen Stufen zu bewundern, die sich mit einer Regelmäßigkeit, wie mit der Meßkette gezogen, für Meilen und Meilen nach Ost fortsetzen. Der Reiz dieser Landschaft wird durch wild romantische Schluchten noch erhöht, unter denen sich ganz besonders eine auszeichnete, die gleich wie ein gewaltiger Messerschnitt das Gebirge trennt und offenbar durch Erdbeben hervorgebracht wurde. Diese Schlucht, von der unsere Abbildung ([S. 122]) nur eine schwache Vorstellung giebt, ist jedenfalls die »Basilisk-Gorge« von Moresby dessen Beschreibung »huge break in the mountains« auf keine Stelle der Küste besser als auf diese paßt und mit wenigen Worten das Richtige trifft. Auch Backbord (links) zeigten sich anziehende Bilder, und der Blick wandte sich oft von der packenden Küstenlandschaft ab und schweifte über das Meer hinüber nach Rook- und Lottin-Insel, die wir schon lange sichteten. Die erstere lag einigemal klar vor uns; ein mächtiger, mehrere tausend Fuß hoher Kegel mit drei Kuppen und wie das kleine Lottin erloschene Vulkane. Letztere Insel, obwohl viel niedriger als Rook, war meist in Wolken gehüllt, wie die ganze Kammlinie des Küstengebirges selbst, trotz des vollkommen klaren Himmels, eine Erscheinung, die bei allen Gebirgen dieser Breiten fast zur Regel wird. Wie spätere Besuche lehrten nimmt die Höhe des Küstengebirges von West nach Ost allmählich ab, mag aber längs dem Terrassenlande immer noch an 4000 bis 5000 Fuß betragen. Den 7700 Fuß hohen Berg Cromwell von Moresby suchten wir bei dieser wie bei späteren Gelegenheiten vergebens, nicht minder Dampiers »Cape King William«, das noch heut auf allen Karten figuriert, aber, wie schon Moresby erwähnt, nicht auszumachen und für die Folge besser ganz wegzulassen ist: es giebt an dieser Küste überhaupt kein Kap! —
Längs dem Terrassenlande sahen wir noch vier armselige Dörfer, Pfahldörfer wie das vorher beschriebene Singor, die sich durch ihre Lage auf kahlem Korallufer (das eine, Sus, auf einer kleinen Felsinsel) auszeichneten. So frei und bar von allem Sonnenschutz hatte ich noch niemals Siedelungen von Eingeborenen gesehen, und es wäre interessant gewesen, die Gründe zur Wahl dieser anscheinend so ungünstigen Lokalitäten zu erfahren. Aber die Bewohner sahen das dampfende Ungetüm stumm vorüber gleiten, und machten keinerlei Zeichen, ja erhoben sich nicht einmal. Ich erwähne dies deshalb besonders, weil dieses Betragen sehr im Widerspruch mit der sonst üblichen Gewohnheit der Eingeborenen steht, die eine so seltene Erscheinung mindestens mit lauten Rufen begrüßen. Jedenfalls besaßen aber diese Pfahlbauer keine Kanus, und auch wir mußten uns einen Besuch versagen, weil der steile, felsige Uferrand kaum zu landen erlaubt haben würde und wir überdies Eile hatten.
Festungshuk.