Häuser in der Weihnachtsbucht.
Die Siedelung in der Weihnachtsbucht war übrigens keine große, aber die Häuser zeigten eigentümliche Bauart, wie die Abbildung am besten veranschaulicht. Die Häuser sind alle klein und zeichnen sich durch Schmalheit, wie die sattelförmige Einbiegung der Dachfirste aus. Gewöhnlich ist die ganze Vorderseite offen und wird mit Matten verhangen. Schnitzerei fand sich an den Häusern nicht. Bei den Häusern konnte man auch die Grabstätten erkennen, einige Schieferplatten mit bunten Blattpflanzen (Crotons) umgeben. In den Ästen eines sehr großen, an vier Fuß hohen Croton bemerkte ich eine sonderbare Röhre aus den Blattscheiden der Sagopalme, die ich natürlich untersuchen mußte, obwohl die Eingeborenen sehr dagegen waren. Sie enthielt sechs Schädel, wohl von Anverwandten, da sie nicht verkauft wurden. Hunde und Schweine gab es nur spärlich. Die ersteren unterschieden sich von der vorher ([S. 53]) beschriebenen Rasse durch geringere Größe und erinnerten an unsere Terriers; auch hatte man den Tieren Ohren und Schwanz abgeschnitten und dadurch ihre Schönheit eben nicht erhöht.
Die Wünsche unserer neuen Freunde auf Verlängerung unseres Besuches wären, sehr gegen unseren Willen, bald erfüllt worden, denn die Samoa befand sich plötzlich auf totem Riff, das dem Seefahrer kein Warnungszeichen durch Brandung giebt. Unter dem Kiele zeigte sich der mit grünlichen, bräunlichen und weißlichen Korallen wie gepflasterte Meeresboden, ein zwar sehr interessanter aber unheimlicher Anblick, auf den man gern verzichtet. Es sind die sogenannten Pilzkorallen (mushroom-corals) der englischen Seefahrer, die aus Tiefen von 20 bis 30 Faden bis nahe unter den Wasserspiegel wachsen. Wenige Zoll können da unter Umständen für das Wohl oder Wehe des Schiffes entscheidend werden, und jeder atmete freier auf, als die trügerischen Gebilde wieder verschwunden waren. Die Aussicht, möglicherweise in der Weihnachtsbucht bei Kokosnüssen und dergl. tropischer Verpflegung auch Ostern feiern zu müssen, hatte durchaus nichts Verlockendes. Selbst bei der größten Vorsicht ist in jenen Gewässern die Möglichkeit des Festsitzens vorhanden, und auch die Samoa entging nur mit knapper Not dieser Gefahr, indem sie ein paarmal das Riff streifte. Dabei kamen Kapitän Dallmann und sein erster Offizier oft tagelang nicht aus dem luftigen Sitz auf der großen Raa (vergl. Abbild. [S. 17]) herab, der durch ein Brettchen nicht sonderlich bequemer gemacht worden war. Riffe lassen sich nämlich nur von einem erhöhten Punkte aus beobachten, sind dann oft auf zwei bis drei Meilen sichtbar, während sie vom Schiffsbord oder Boot aus manchmal auf 20 Schritt unbemerkt bleiben. Freilich kommt es hauptsächlich auf die Beleuchtung und den Stand der Sonne an; bescheint die letztere das Wasser zu grell, so wird totes Riff häufig erst sichtbar, wenn sich das Schiff bereits auf demselben befindet, wie in diesem Falle mit der Samoa.
Wir hatten Kap Pierson passiert und dampften längs der Südostküste von Normanby herab, die durchgehends bergig bis gebirgig ist, aber viel Kulturland und Kokospalmen, oft wahre Wälder von solchen aufzuweisen hat. Überall sieht man ausgedehnte Plantagen, Kokoshaine und Fußpfade bis hoch in die Berge hinauf, aber trotz diesen deutlichen Zeichen des Bewohntseins im ganzen wenig Siedelungen und Menschen. Die letzteren zeigten sich sehr mißtrauisch, und nur in dem am meisten bevölkerten Küstenstriche um Kap Pierson kamen Eingeborene in fünf Kanus ab, die Kokosnüsse anboten und dafür Messer, Tabak und Streichhölzer verlangten. Aber nur einer vermochte diese Wünsche in englischen Vokabeln auszudrücken, ein gar seltsamer Kumpan in doppelter Wollgarnitur, die er jedenfalls der Freigebigkeit eines englischen Kriegsschiffes verdankte. Ja, wenn erst das Wollregime auch bei den Tropensöhnen sich in dieser Fülle eingeführt hat (der Mann trug allein drei Hemden übereinander!), dann wird diese Industrie einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Zahlungsfähig sind die Leute ja, denn sie brachten Kokosnüsse von ungewöhnlicher Größe, die man für Kürbisse halten konnte. Manche Nüsse wogen acht bis elf Pfund und maßen 68 bis 73 Centimeter im Umfange; versprechende Aussichten für Koprastationen.
Da der Kapitän das riffreiche, schwierige Fahrwasser südlich von Kap Ventenat nur in der günstigsten Tagesbeleuchtung passieren wollte, so mußte für die Nacht ein passender Ankerplatz gesucht werden, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war. Ein solcher findet sich nicht immer so leicht, und der in den Tropen so früh einbrechende Abend mahnt zu größerer Eile, denn gewöhnlich fängt es schon nach sechs Uhr an dunkel zu werden. Glücklicherweise brauchten wir diesmal nicht lange zu suchen, und konnten bald in einer flachen Bucht, die ich »Gutheil« benannte, zu Anker gehen. Sie besteht aus bewaldetem Vorland, das rings von steilen Bergen, längs der Wasserkante von einem breiten Sandstrande begrenzt wird, und ist in der südlichen Ecke durch einen mit Buschwerk begrünten Felsen, Small-Island der Karten, kenntlich.
Das Fehlen von Kokospalmen ließ dasselbe auch hinsichtlich der Bewohner erwarten, aber kaum hatten wir den Fuß ans Land gesetzt, so erschienen auch Eingeborene, hielten sich jedoch in respektvoller Ferne. Erst nach und nach gelang es einige beherzte Burschen heranzulocken, die sich als Führer in die Berge anboten. In der nördlichen Ecke mündet, durch Treibholz und Barre versperrt, ein hübscher Fluß, an dem wahrscheinlich die Siedelungen der Eingeborenen liegen, denn die scheuen Mädchen verschwanden in dieser Richtung. Auch am südlichen Ende der Bucht mündet ein Fluß, dessen rechtes Ufer zum Teil von steilen Felswänden gebildet wird. Sie bestehen aus einem quarzreichen Schiefer, aber ich suchte in dem ausgetrockneten Flußbett, wie zu erwarten, vergebens nach »Nuggets« (Goldkörnern); denn im Goldsuchen habe ich ja niemals Glück gehabt. Dagegen fand ich in den Bergen hübsche Baumfarne, die mir neu waren, aber nichts nützten. Eingeborene hatten sich inzwischen in großer Anzahl angesammelt, betrugen sich aber sehr artig und überreichten uns buntblättrige Crotons und rote Hibiscusblumen. Ein glatzköpfiger Alter hielt mir in erregter Weise eine Standrede, deren Sinn sich wohl begreifen ließ. Es handelte sich wieder um die alte Geschichte: Rekrutieren von Arbeiter-Werbeschiffen! Solche Vorgänge können für friedlich nachfolgende Weiße, wie wir es waren, oft verhängnisvoll werden, und es ist in der That zu verwundern, daß uns niemals etwas zustieß. Als z. B. Kapitän Dallmann und ich keuchend den Berg hinaufkletterten wäre es für die Eingeborenen ein leichtes gewesen uns zu erschlagen. Ich kann es daher in dankbarer Erinnerung nicht oft genug aussprechen: »Wahrlich, jene nackten Söhne der Wildnis sind längst keine Wilden!« Und als nach Einbruch der Dunkelheit allenthalben an den Bergen Feuer blinkten, bei deren Scheine die Eingeborenen von den weißen Fremdlingen plaudern mochten, da fiel mir das schöne Schriftwort ein: »Selig sind die Friedfertigen!« denn auch diese braunen Brüder werden Gottes Kinder heißen!
In der Frühe des anderen Morgens passierten wir Kap Ventenat, die Südostspitze von Normanby, und damit traten nicht nur nach Süd, sondern auch nach West neue interessante wechselnde Landschaftsbilder hervor. In dem Gewirr von Riffen, Sandbänken, Inselchen und Inseln dampften wir zunächst am Nordrande des »Galgenriffs«, an dem so leicht ein Schiff hängen bleiben und den Hals brechen kann, der Göschen-Straße zu, welche Neu-Guinea von der Normanby-Insel trennt. Der Südrand der letzteren erhebt sich zu dem 3000 bis 3500 Fuß hohen Prevost-Gebirge, das viel kultiviertes Land der Eingeborenen zeigt, ebenso wie die malerische an 1000 Fuß hohe Lydia-Insel, die eigentlich aus drei Inseln besteht. Nach Süd begrenzt gebirgiges Land den Horizont; es sind die Inseln des Moresby-Archipel, die d'Entrecasteaux bereits 1793 auf 28 Meilen Entfernung sichtete, aber in nur zu leicht begreiflicher Weise für die Ostspitze Neu-Guineas hielt.
Wir werden die letztere noch kennen lernen, dampfen aber jetzt, einen späteren Besuch der d'Entrecasteaux an dieser Stelle einschaltend, der Westküste von Normanby zu. Ihre südlichste Ecke, Kap Prevost, mit dem gleichnamigen, an 3500 Fuß hohen, steilen Berge, bildet die höchste Erhebung, die nach Norden allmählich abfällt und in der Gegend von Duchesse-Insel nur noch etliche Hundert Fuß beträgt. Von hier an werden die Gebirge bis zur Dawson-Straße wieder höher und erreichen über 3000 Fuß. Einige Meilen nördlich von Duchesse-Insel säumte ein ausgedehntes Kopragebiet die Küste; sonst waren nur kleinere Bestände Kokospalmen, aber größere Flecke urbar gemachten Landes im Waldesdickicht der Berge zu sehen. Hier liegen vermutlich auch die Siedelungen versteckt, denn wahrscheinlich ist die Bevölkerung nicht ganz so gering, als es den Anschein hat.
Nach einer unruhigen Nacht dampften wir am anderen Morgen in die schöne Straße, welche Normanby und Fergusson trennt und zu Ehren des, um die Erforschung Neu-Guineas hochverdienten, Lieutenants Dawson vom Basilisk benannt wurde. Ihre landschaftlichen Schönheiten traten erst hervor als sich die Wolken verzogen und wir die steilen Gebirge von Normanby in der Nähe betrachten konnten. Sie sind von malerischen Schluchten durchzogen und mit üppigem Baumwuchs bekleidet, machen aber nicht den Eindruck der Wildnis, wie er sonst gewöhnlich gegenüber tropischer Landschaft fühlbar wird. Denn, wie überall in den d'Entrecasteaux, zeigen sich auch hier allenthalben Plantagen, Kokoshaine, einzelne Häusergruppen bis ein paar Tausend Fuß in die Berge hinauf. Das sieht alles so kultiviert, ja civilisiert aus und heimelt so sehr an, gerade wie dies Moresby vor zehn Jahren fand, nur daß Menschen fehlten. Während der Basilisk damals von Hunderten von Kanus mit zutraulichen Eingeborenen umlagert war, die alle eifrig handelten, sahen wir nur hie und da ein paar, die aber scheu verschwanden. Kein Zweifel, daß auch hier Werbeschiffe gehaust und die Bevölkerung geschädigt hatten.