Die Samoa war in einer Art kleinen Bucht zu Anker gegangen, und ich unternahm mit Obersteuermann Sechstroh eine Exkursion im Whaleboot, um die bisher ununtersuchte östliche Einfahrt von Dawson-Straße anzusehen. Wir gingen längs der Nordseite von Normanby, die ihren vulkanisch bergigen Charakter beibehält und überall Kultivationen, Kokospalmen oft noch über 1000 Fuß hoch zeigt. Hie und da breitet sich ein schmales, meist dichtbewaldetes Vorland aus, mit Sandstrand, der viel Eisen und Glimmer, aber auch Bimsstein enthält, wie das Geschiebe der Bäche, das meist aus Schiefer und Quarz besteht. Das spricht wieder für Gold! In der That, wenn irgendwo in dieser Region Gold vorkommt, so glaube ich noch am ersten in den d'Entrecasteaux, will aber damit keinen »rush« hervorrufen. Von Eingeborenen sahen wir nur einen, der in einem kleinen Einspänner-Kanu sich vor unserem Boote retten wollte und mir nun am Strande in die Hände fiel. Er war so sehr erschrocken, daß er meine Geschenke zurückwies und sich nach einigen Redensarten, vermutlich Entschuldigungen (oder sollten es Verwünschungen gewesen sein?) seitwärts in die Büsche schlug. Ja, wir Weißen standen hier in keinem guten Renommé, das war mir immer mehr klar, und das Warum leicht zu erklären. Angesichts dieser Wahrnehmungen schien Vorsicht auch für uns ratsam, denn drei einzelne Weiße in einem Boot machen nicht den Eindruck, als wenn ein Schiff in der Nähe ist. Dies fiel mir ein, als wir die Nordostspitze von Normanby erreicht hatten und nach dem vor uns liegenden Goulvain hinübersegelten. Es ist dies die größte der drei Inseln, welche den Osteingang von Dawson-Straße beengen, und kennzeichnet sich schon von weitem durch einen eigentümlichen Berg. Derselbe hat die Form eines langgestreckten Napfkuchens und ist wie ein solcher von zahlreichen Längsrinnen durchzogen. Sie lassen keinen Zweifel, daß wir es mit einem Vulkan zu thun haben und zwar einem noch nicht allzulang erloschenen, denn der Berg ist in seiner oberen Hälfte kahl, was gegen die dichte Bewaldung des unteren Teiles und der übrigen Insel scharf absticht.

Unsere Absicht, ungestört auf der Insel zu frühstücken, wurde vereitelt, denn kaum daß wir uns derselben näherten, zeigten sich Eingeborene in hellen Haufen. Das hohe Ufergras schien förmlich Menschen zu gebären. Sie waren zwar unbewaffnet, aber ich hatte wohl bemerkt, daß sie viele Speere im Grase niederlegten, ein beachtenswertes Zeichen, welches immer zur Vorsicht mahnt. Wir ruderten längs der Küste bis zu einem Dorfe, wo sich inzwischen eine große Anzahl Eingeborener, wohl mehrere Hundert, versammelt hatten. Sie schienen über unsere Ankunft sehr geteilter Ansicht zu sein, denn während einige mit grünen Zweigen zum Landen einluden, machten die anderen abweisende Gesten, die mich an die im Gras versteckten Speere erinnerten. Unser Verlangen zu landen wurde durch den unklaren steinigen Grund, der unserem schlanken Boote leicht gefährlich werden konnte, gezügelt, und schließlich fiel es uns ein, daß es vielleicht besser wäre zu bleiben, wo wir waren. Wahrscheinlich würden wir auch hier gut aufgenommen worden sein, aber wer will immer voraussagen, wie es kommen kann, und wer konnte wissen, was vor uns hier passiert war? Im Boot ließ sich ein Überfall leicht und ohne Blutvergießen vermeiden, denn ein paar Schüsse genügten, die Menge zu verjagen, aber an Land war dies ganz etwas anderes. Da brauchten nur ein paar Eingeborene ihre Speere zu erheben, und unsere tapferen Neu-Britannier wären unfehlbar mit dem Boote auf und davon gegangen, ohne sich um uns zu kümmern. Und was hätten wir drei, selbst mit Waffen, in einem solchen Knäuel von ein paar Hundert Speerwerfern anfangen wollen? Mir war es schon um Kapitän Dallmann zu thun. Wo hätte der einen anderen Steuermann herkriegen wollen? und als Opferlämmer waren wir ja überhaupt nicht hergekommen.

Kanuhaus auf Goulvain.

Unter den im Schatten der Bäume versteckten Häusern machte sich besonders eins bemerkbar, ein langer, niedriger Schuppen, in welchem ein großes Kriegs-Kanu untergebracht war. Vergl. Abbild. ([S. 224]). Es zeigte über der Thür einen gar besonderen Schmuck, eine kraniologische Sammlung, die ich gar gern den meinen einverleibt hätte. Schädel von Goulvain! die besaß Geheimrat Virchow gewiß noch nicht, und da mußte jedenfalls ein Versuch gewagt werden. Ich deutete daher auf meinen Kopf und nach jenen Schädeln, sowie auf einige Tauschwaren, und die Sache war eingeleitet. Die Goulvainer begriffen, daß ich nicht den meinen einverleiben, sondern ihr anthropologisches Material haben wollte, und bald war der Handel im Gange. Freilich meine »Kilam« (Hobeleisen) waren schnell zu Ende, aber die Eingeborenen nahmen auch Tabak und andere Tauschwaren, bis die Weiber den schnöden Schacher plötzlich zum Schluß brachten und den Rest des Mausoleums mit einer Matte bedeckten. Die guten Geschöpfe schienen sehr aufgebracht, und da es immer rätlich ist wütenden Weibern auszuweichen, so schieden wir von Goulvain, wo wir ohnehin nichts mehr zu suchen hatten. Wußte ich doch jetzt, daß die Insel bei den Eingeborenen Ulebubu, das Dorf vor dem wir lagen, Nuakarau heißt, sowie manches andere über Insel und Bewohner, von denen bisher kein Bericht vorlag. Jedenfalls hatten die Eingeborenen aber schon Weiße gesehen, denn sie kannten: »matches« (Streichhölzer), »pipe«, »knife« und titulierten uns selbst »manwar« (man of war = Kriegsschiff). Ulebubu muß sehr bevölkert und sehr fruchtbar sein; selbst an den Abhängen der steilen Kraterschluchten waren Plantagen zu sehen, wie es die Papuas überhaupt lieben, gerade an solchen Stellen zu kultivieren. Kokospalmen gab es in Masse, darunter auch solche mit den kleinen, orangefarbenen Nüssen, welche auf Ceylon »King-nuts« heißen und einer besonderen Art anzugehören scheinen. Die Eingeborenen unterschieden sich übrigens durchaus nicht von den bisher (z. B. in Weihnachtsbucht) gesehenen und machten schon deshalb keinen guten Eindruck, weil soviel Schuppenkrankheit unter ihnen herrschte. Wenn sonst Totenschädel, welche man bei Eingeborenen sieht, meist solche von Anverwandten sind, so verhielt sich dies hier doch anders, und die von mir erstandenen Schädel sprechen schweren Verdacht aus. Mit Ausnahme eines einzigen, zeigten alle 15 Schädel das Hinterhaupt zertrümmert, ganz so wie Kannibalen zu thun pflegen um die größte Delikatesse, das Gehirn, zu erlangen. Ja, ja! ihr Männer von Ulebubu, ich kann euch nicht rein waschen, so gern ich auch möchte, ihr seid Kannibalen, gar kein Zweifel! »Aber die anderen auch«! höre ich euch antworten. Ja wohl, ihr seid nicht schlechter als der Rest, denn die ganze braune Bewohnerschaft der d'Entrecasteaux, der Ostspitze Neu-Guineas, des Moresby-Archipels bis hinunter auf die Louisiade, sie alle sind Menschenfresser, und dieser Brauch bildet sogar einen eben nicht empfehlenswerten Charakter dieser ethnologischen Provinz.

Wir standen unter Segel nach Fergusson hinüber, stießen hier aber bald auf ausgedehntes Riff, das auch südlich von Goulvain die Straße zu versperren scheint. Doch konnten wir dies nicht ausmachen, denn es setzte hier scharfe Strömung ein, gegen welche vier Ruderer nicht ausreichten. Die Nordwestseite von Goulvain besteht aus Steilufer, so daß hier vielleicht eine Durchfahrt für kleinere Schiffe möglich ist, aber nördlich liegen noch zwei andere flache Inseln, die auf Riff schließen lassen. Sie zeigten dichte Bestände von Kokospalmen, wie ein großer Teil der Küste von Fergusson, die hier meist aus Flachland mit Hochgras besteht. Gleich einer alten Festungsruine erhebt sich hier ein, meist kahler, vulkanischer Berg, gleichsam ein Pendant zu dem Krater von Goulvain. Aber wir bemerkten kein kultiviertes Land an ihm, wie die ganze Küste der äußersten Südspitze von Fergusson kaum bevölkert schien. Das änderte sich aber mit einem Schlage, als wir westlich von der Landzunge in eine ausgedehnte Bucht einfuhren, die rifffrei und selbst für Schiffe praktikabel ist. Hier säumt ein breiter Streif von Kokospalmen den Sandstrand, auf dem sich Dorf an Dorf reihte. Ich zählte an ein Dutzend, die aus je 10 bis 15 Häusern bestanden. In der Tiefe der Bai, nahe einer kleinen Insel aus Korallfels, landeten wir inmitten von etlichen 20, sehr schönen Kanus, bei einem Dorfe, dessen Bewohner sich anfangs sehr fürchteten und zum Teil ausrissen. Das weibliche Geschlecht machte den Anfang und kam selbst später, trotz den Aufforderungen der Männer, nicht zurück, und so mußte ich diesen die Geschenke für die schüchternen Schönen übergeben. Das Dorf mochte ungefähr 15 Häuser zählen, die sich durch die eigentümliche Bauart, wie sie meine Skizze zeigt, auszeichneten. Sie ruhen doppelt auf Pfählen, d. h. auf der unteren Plattform erhebt sich das Haus noch besonders auf kurzen, wie gedrechselten Füßen. Die schmale hohe Giebelfront ist sorgfältig aus Pandanusblatt gefertigt und zuweilen bunt bemalt, wie das Haus links in rot und schwarzem Schachbrettmuster. Alles sah sauber und reinlich aus, auch der Platz um die Häuser, auf dem ich Obsidian fand. Und nun gar erst die ausgedehnte Plantage hinter dem Dorfe! Sie war eine Musterfarm und konnte an Akkuratesse mit einer Ziergärtnerei bei uns konkurrieren. Man fühlte sich wie in einen Hopfengarten versetzt, so regelmäßig erhoben sich die Ranken des Yams an Stangen, aus reichem schwarzen Humus, der durchgesiebt schien. Zwischen dem Yams stand Taro, Zuckerrohr, Bananen und bunte Blattpflanzen, alles in schönster Ordnung und in größere Familienfelder eingeteilt. Merkwürdigerweise fehlte ein Zaun um die Plantage, wie dies sonst stets der Fall ist, was vermuten läßt, daß Wildschweine selten vorkommen. Allerdings sah ich gezähmte bei den Häusern, aber in Verschlägen; auch hatte man ihnen, um das Wühlen zu verhindern, sorglicherweise eine Liane durch die Nasenlöcher gezogen. Leider blieben meine Versuche, eins dieser Borstentiere zu erstehen, erfolglos. Die Eingeborenen werden sie selbst wohl gern essen, verschmähen aber auch den einzigen Vertreter der Familie Bimana (Homo sapiens, Linné) nicht, denn ich erhielt fünf am Hinterhaupt zerschlagene Schädel und sah ein menschliches Becken an einem Hause. Dabei waren diese Menschenfresser aber nicht allein sehr fleißige, sondern auch liebenswürdige Leute, und es that mir ordentlich leid, sie durch ein paar Schüsse in Furcht jagen zu müssen. Aber in einem hohen Baume zeigten sich sonderbare Vogelgestalten, nach denen ich schon lange gefahndet hatte. Als der Schuß krachte, lag ein prachtvoll stahlviolett schimmernder Vogel, so groß als eine Dohle, zu meinen Füßen, — Manucodia Comrii — der schönste Vertreter der Paradieskrähen. Die Art ist, wie ein wirklicher Paradiesvogel mit roten Seitenbüscheln (Paradisea decora), den d'Entrecasteaux eigentümlich, die zoologisch sehr ungenügend bekannt, ohne Zweifel manches Neue liefern werden.

Häuser auf Fergusson.

Der günstige Eindruck, den uns diese Exkursion von Fergusson verschafft hatte, wurde am folgenden Tage noch bedeutend erhöht, an dem wir längs der Südküste bis Kap Mourilyan dampften. Sie besteht im wesentlichen aus einer ca. 1000 bis 1500 Fuß hohen Strandkette, hinter welcher sich unmittelbar dichtbewaldetes Hochgebirge, mit sanft gerundeten Kuppen, zuweilen mit stumpfen Spitzen, erhebt. Der an 6000 Fuß hohe Kilkerran scheint der Mittelpunkt dieses Gebirges, das den größten Teil der Insel bedeckt und ihr, wie den übrigen, vorwiegend Gebirgscharakter verleiht. Wenn es auch noch lange dauern wird, ehe Forscher in das Innere dieser Gebirge eindringen, so ist vielleicht die Zeit nicht so fern, wo das Küstengebirge nähere Untersuchung findet und dieselbe voraussichtlich reichlich belohnt. In der That hier sieht es gar sehr versprechend aus, und ich wüßte kein Gebiet in der ganzen östlichen Papuaregion, das sich mit diesem messen könnte. Gegenüber von Kap Dawson bis Kap Mourilyan, einem Küstenstrich von fast 20 Meilen, hat man fast nichts als kultiviertes Land vor sich, das einen heimatlichen Eindruck macht. Allenthalben sieht man bis hoch in die sanft ansteigenden Berge ausgedehnte Plantagen, sorglich eingezäunt, grüne Matten, einzelne Häuser und kleine Häusergruppen; Fußpfade führen hin und wieder und über die Berggrate, während die Thäler und Hänge mit Wald und Buschwerk bestanden sind. Gar liebliche Bilder, die durch den Reichtum an Kokospalmen ein erhöhtes praktisches Interesse gewinnen! Längs dem weißen Sandstrande ziehen sich oft meilenweite Palmwälder hin, und selbst an den Bergen reichen ansehnliche Bestände über 1000 Fuß hinauf; ein Kopragebiet, wie es nur selten vorkommt. Und doch ist dasselbe bisher noch unbearbeitet geblieben, worüber sich die Eingeborenen am meisten freuen können. Wir sahen zwar am Strande verschiedene, auch größere Siedelungen, aber von den Bewohnern auch nicht Einen! Diese Küste schien wie verzaubert, nicht einmal ein Kanu ließ sich blicken. Sehr malerisch ist Kap Mourilyan, der Ausläufer eines zwischen 2000 bis 3000 Fuß hohen erloschenen Vulkans, der bis zu dem kahlen, steilen Kraterrande dicht mit Kultivationen bedeckt ist. Wir mußten hier leider Abschied von den d'Entrecasteaux nehmen, die für England ohne Zweifel viel wichtiger und versprechender sind, als Port Moresby und der größere Teil der Südostküste Neu-Guineas und vielleicht noch einmal Bedeutung erlangen. Sie werden sich für Plantagenwirtschaft, wie Viehzucht gleich günstig erweisen und bieten bereits etwas Exportfähiges in den reichen Kopragebieten.

Von Goodenough-Insel bekamen wir wenig zu sehen; sie blieb, wie der gleichnamige, an 7000 Fuß hohe Berg, meist in Wolken gehüllt, und wir erblickten sein majestätisches Haupt nur ein paarmal während unserer Küstenfahrt, zu der wir jetzt zurückkehren.