III. Ostkap bis Mitrafels.
Ostkap. — Catamarans. — Bentley-Bai. — Anzeichen von Kannibalismus. — »Hallelujah«. — Tamate. — Scheu der Eingeborenen. — Äußeres. — Ausputz. — Freundliche Mädchen. — Häuser. — Catharine-Insel. — Begegnung mit einem Kanu. — Chads-Bai. — Koom und Poru. — Albino. — Schönes Land. — Eine Liebesgeschichte. — Fingerspitze. — Herrliche Gebirgslandschaft. — Kap Frere. — Wasserfälle. — Gebirgsplantagen. — Bartle-Bai. — Goodenough-Bai. — Basilisk-Gebirge. — Flower- und Sclaterspitze. — Pyramidenhügel. — Geringe Bevölkerung. — Bedeutende Meerestiefen. — Gebirgsbewohner. — Kap Vogel. — In trübem Wasser. — Victory und Trafalgar. — Kap Sud-Est. — Geringe Bevölkerung. — Küste von Kap Nelson bis Mitrafels. — Hihiaura-Bucht. — Familienhaus. — Wir bauen. — Native-Häuser. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Gomira Taga und Tohde. — Wir landen Vieh. — Blumenthal. — Ethnologisches. — Schaukeln. — Fischfang. — Kein Salz. — Stellung der Frauen. — Tägliche Beschäftigung. — Kochen. — Mahlzeiten. — Gemütliches Leben. — Schwierigkeit zu civilisieren — und die richtigen Leute zu finden. — Schattenseiten des Tradertums.
Ostkap.
Wie erwähnt ist die Aufnahme dieser in der Luftlinie über 200 Meilen langen Küste ein Verdienst Moresbys, das niemand besser würdigen lernte als wir, die auf der Samoa seinem Kurse folgten. Auch in diesem Abschnitt fasse ich die Resultate dreier Fahrten an diesen Küsten zusammen, die, bei der ohnehin so knappen Behandlung unseres Vorgängers, einen Beitrag zur besseren Kenntnis derselben in Wort und Bild geben werden. Wir haben Lydia passiert und sehen die Ostspitze Neu-Guineas immer deutlicher hervortreten. Sie wird von der Halbinsel gebildet, welche Milne-Bai nach Norden begrenzt und läuft in eine schmale Landzunge aus, die mit einem sanften, ca. 400 Fuß hohen Hügel endet, vor dem zwei kleine, durch Riff verbundene Inselchen lagern. Unsere Skizze zeigt eine derselben, Anker-Insel, mit Ostkap aus Norden, kein großartiges, aber ein liebliches Bild, anheimelnd durch die Plantagen auf dem Hügel und die Palmenhaine, welche den Strand einfassen. An dem letzteren standen Hütten und Kanus; auch Eingeborene zeigten sich hie und da, nahmen aber von dem Dampfer keine Notiz. Das reiche Kultivations- und Kopragebiet, welches an der Ostseite von Normanby seinen Anfang nimmt, setzt sich, mit gewissen Unterbrechungen, von Ostkap bis nahe an Bentley-Bai fort. Aber der Bergrücken, die Stirling-Kette, welcher die schmale Ostkap-Halbinsel bildet, deren Breite selten fünf Meilen überschreitet, wird allmählich höher. Damit steigert sich der Reiz des Landschaftsbildes, das in der von hübschen Bergen umschlossenen Bai zu einem besonders ansprechenden wird. Von Eingeborenen war wenig zu bemerken; sie hielten sich zurückgezogen und beachteten unsere Einladungen gar nicht. Jedenfalls hatten sie seit dem freundlichen Besuche Moresbys vor 10 Jahren, der die Ostkap-Leute »als die liebenswürdigsten Wilden«, welche er kennen lernte, bezeichnet, üble Erfahrungen mit dem weißen Manne gemacht. Hie und da huschte ein Catamaran über die spiegelglatte Wasserfläche, eine sonderbare Art Wasserkutsche, die wir einzeln schon in Normanby kennen gelernt hatten. Sie besteht aus drei vierkantig behauenen, vier bis fünf Meter langen Baumstämmen, die mit Lianen aneinandergebunden, ein ca. ein Meter breites, an beiden Enden stumpfzugespitztes Floß bilden. Diese Catamarans sind an der ganzen Ostkap-Halbinsel, wie in Milne-Bai, die gebräuchlichsten Fahrzeuge und ersetzen zum Teil die im ganzen seltenen Kanus. Es versteht sich von selbst, daß ein solches Floß nur längs der Küste und bei ruhiger See benutzt werden kann, denn selbst bei solcher nimmt es fortwährend Wasser über. Es ist daher zuweilen ein etwas erhöhter Sitz angebracht, um Tauschwaren einigermaßen trocken zu halten. Wir haben die Geschicklichkeit, mit welcher die Eingeborenen dieses primitive Fahrzeug zu hantieren wissen, stets aufs neue bewundert. Die Sache sieht nämlich viel leichter aus, als sie ist und geht bei knieender Stellung noch am besten. Aber aufrechtstehend erfordert es viel Übung die Balance zu halten; eine ungeschickte Bewegung, und das Floß kippt um, was unseren Leuten später, zum Gaudium der Eingeborenen, öfters passierte.
Catamarans.
Solche Catamarans, die übrigens nur einen bis zwei Menschen tragen, gaben uns das Geleit, als wir in Bentley-Bai einliefen, hielten sich aber in respektvoller Ferne. Nur eine resolute Frau spornte ihre stärkere Hälfte an, längsseit zu paddeln, um einige Geschenke zu empfangen. Sie gab mir dafür ein paar Früchte des Melonenbaumes (Carica papaya), ungefähr alles was die Eingeborenen besaßen, denn Kokospalmen werden in Bentley-Bai schon spärlicher. Der furchtsame Gatte erregte durch einen besonderen Haarschmuck meine Aufmerksamkeit. Er trug im Nacken eine Zopfzottel, an der ein Halswirbel befestigt war, welche Zier ich natürlich gern für das Berliner Museum erworben hätte. Aber der Mann schien davon nichts wissen zu wollen. Es blieb mir daher nichts übrig als Raub; denn, was thut man nicht alles im Dienst der Wissenschaft! Ein Schnitt mit der Schere und der Zopf war mein, worüber die kleine Frau gar sehr schimpfte. Ihre zornfunkelnden Augen gingen aber bald in freudestrahlende über, als ich ihr einen goldenen Ring im Wert von zehn Pfennigen, ihrem Gemahle ein Messer schenkte. Die spätere Untersuchung hat den Knochen als einen menschlichen Atlas nachgewiesen, wodurch auch diese guten Eingeborenen den Verdacht Kannibalen zu sein auf sich laden. In Ermangelung besserer Beweise spreche ich diesen Verdacht übrigens nur mit Vorbehalt aus, und will hinzufügen, daß ich derartigen Zopfschmuck nur wenigemale hier, aber auch in den d'Entrecasteaux und um Ostkap beobachtete. Halswirbel vom Schwein und Dugong werden am häufigsten benutzt, besonders aber Ovulamuscheln, zuweilen auch sonderbare Fischgebisse, so daß es sich bei weitem nicht immer um Trophäen von erschlagenen Feinden handelt. Selbst in diesen abgelegenen Gegenden pflegen sich die Gegensätze zu berühren. Kaum war der Vertreter des menschenfressenden Heidentums mit seiner Ehehälfte weggepaddelt, da tönte es »Hallelujah! Jesus!« und wir begrüßten den ersten Christen, der sich schon durch ein früher weißes Hemd von der übrigen Gesellschaft auszeichnete. »Missionaly[60] Tamate Natuna!« Aha! der Herr Missionär dieses Namens, würde jeder gedacht, aber geirrt haben, denn der Zusammenhang dieser Worte war nur dem verständlich, welcher die Südostküste Neu-Guineas kennen lernte. Hier ist von Freshwater- bis Milne-Bai ein Weißer unter dem Namen Tamate überall bekannt und beliebt, der Rev. James Chalmers in Port Moresby, der einflußreichste Mann an dieser ganzen Küste. Schon 10 Jahre lebt er unter den Eingeborenen, die ihn alle als einen Vater verehren. Kein Wunder daher, daß auch dieser braune Hemdenmatz sich Tamate Natuna, d. h. Kind von Chalmers nannte, dem er wahrscheinlich in einer Missionsstation in Milne-Bai begegnet war. Mit »Missionaly« (Missionär) pflegt sich gern jeder Eingeborene zu bezeichnen, der nur einmal eine Mission besuchte und deswegen noch keineswegs Christ zu sein braucht, da in Neu-Guinea das Wort Loto (= Christentum) unbekannt ist.
Ich durfte mich dem Kinde Tamate's gegenüber, das eigentlich Tau pa-uri hieß, als Tamate Wariga, Freund von Chalmers einführen, mit dem ich in Port Moresby so oft zusammen gewesen war, und manche Tour gemacht hatte. Der neue Freund erwies sich übrigens von keinem Nutzen und riß mit der übrigen Menge aus, als ich das Land betrat. Das kostete wieder Mühe sich anzupirschen! Ich hatte den Leuten lange am Strande zu folgen, manchen Bach zu durchwaten, ehe einige beherztere Burschen standhielten. Stückchen Tabak, die ich ihnen zuwarf, kirrten sie vollends, und endlich ließ sich einer die biedere Rechte schütteln. »So, nur Courage! sei doch kein Frosch, ich bin ja Finsch aus Bremen, ihr kennt mich ja!« — und die Leute wurden zutraulicher, kamen nach und nach heran, bis uns ein dichter Haufen umgab. Auch Mütter mit ihren Säuglingen fehlten nicht, und meine alte Praxis, die letzteren mit roten Bändchen zu schmücken, machte den gewünschten Eindruck. Auch Papuafrauen besitzen Mutterstolz und freuen sich, wenn man die braunen Papuaengelchen streichelt und lobt. Und diese Kinderchen sind im allgemeinen viel artiger als unsere, denn sie schreien viel weniger und fürchten sich gar nicht so vor dem »weißen Manne«. Die Eingeborenen von Bentley-Bai, wie um Ostkap, sind von ziemlich heller Hautfärbung und gehören zu denen, welche von Unkundigen als malayische Mischlinge erklärt werden. Aber mit Unrecht, denn sie sind echte Papuas, wobei uns das individuelle Vorkommen von lockigem, selbst schlichtem Haar nicht zu genieren braucht. Gewöhnlich wird es kurz gehalten, bei den Frauen meist abrasiert, aber junge Stutzer, wie der auf der Abbildung, zausen sich eine mächtige Wolke auf. Er ist im Gesicht zierlich mit schwarzen Strichen bemalt, trägt Blätter und eine künstlich zerschlissene Centropusfeder im Haar, am Arm eines jener kolossalen Armbänder (Bakibakira), die wir zuerst hier kennen lernten. Sie sind halbrund aus gespaltenem, schwarz gefärbtem Rotang geflochten und werden auf der hohlen Innenseite mit Moos und wohlriechenden Pflanzenstoffen ausgefüllt. Sie verbreiten sich über die ganze Ostspitze Neu-Guineas und dienen zum Teil als Trauerschmuck. Als solchen lernte ich, außer dem üblichen Schwarzmalen, auch breite zierlich aus Gras geflochtene Bänder kennen, die von beiden Geschlechtern kreuzweis über die Brust getragen wurden. Viele Eingeborene litten an Ichthyosis, wie sie überhaupt in Gestalt, wie Ausputz einen ärmlichen Eindruck machten. Das Septum war bei beiden Geschlechtern durchbohrt, aber gewöhnlich wurde ein Holzstift durchgesteckt, seltener ein aus Muschel geschliffener. Im Ohr trugen die Männer meist einen zusammengerollten Streifen Pandanusblatt, zuweilen einige Spondylusscheibchen oder kleine Schildpattringe. Halsstrickchen (Maura) und gewöhnliche Grasarmbänder (Ohame) bildeten, wie immer, den Hauptputz; in dem letzteren wurde häufig ein Stück Badeschwamm (zum Waschen!) getragen. Stutzer befestigen am Armbande, wovon auch solche aus Muschel (Conus und Trochus) vorkamen, zuweilen einen langen Streifen aus künstlich zusammengenähten Pandanusblatt, der gleich einem Bande herabflattert und Päropäro heißt. Als seltenen Knie- und Armschmuck sah ich aufgereihte mittelgroße, weiße Cypraea-Muscheln (Bunidoga); mit Ausnahme kleiner Knaben waren alle bekleidet. Die Männer trugen die eigentümlichen Pandanusmatten, Ahra ([S. 214]), die häufig an einer Schnur, zuweilen einem dicken Wulst (Apara) von Menschenhaar befestigt sind, von dem Schnüre aus gleichem Material mit Ovulamuscheln (Dunara), portepéeähnlich herabbommeln (vergl. Taf. XVI 6). Frauen, selbst kleine Mädchen, sind mit schweren Grasröcken (Nogi) aus gespaltener Kokosfaser bekleidet, wie dies die Abbildung ([S. 237]) zeigt. Mit der Steinzeit war es auch hier vorbei, denn die Eingeborenen besaßen bereits Äxte mit Bandeisenklingen ([S. 212]), begehrten jedoch am meisten Tabak und Pfeifen. Sie hatten aber wenig in Tausch abzugeben oder vielmehr gaben das wenige Gute, z. B. hübsche Holztrommeln und Holzschilde (Ragena) nicht her. Als Waffe besaßen sie nur rohgearbeitete Speere (Jera), keine Pfeile und Bogen. Neu waren mir sehr hübsch geflochtene, runde, schachtelförmige, Tragkörbe (Au-utu), mit drei Einsätzen, und eine sonderbare Art Fischfallen (Mahaba, T. IX. 1). Als Material zu Strickarbeiten wird die durch Klopfen bereitete Faser aus den Luftwurzeln des Schraubenbaumes (Pandanus) benutzt, die ich schon in Normanby bemerkte. Sie stellt an Haltbarkeit und Länge des Fadens die besten unserer Faserstoffe in den Schatten und würde einen trefflichen Exportartikel abgeben, wenn größere Quantitäten zu haben wären.