Musik, diese Gabe des Himmels, auch von den Metallzünglein einer Mundharmonika, hatte den Sieg errungen, um diese kleinen »Wilden« zu bändigen. In stummer Verwunderung betrachteten sie alles; als ich aber jedem ein Lendentuch von türkisch Rot umgebunden und ein Beil in die Hand gegeben hatte, da hielt es sie nicht länger, sie eilten, gefolgt vom Vater, ins Kanu und paddelten heimwärts, wahrscheinlich aus Besorgnis, die Schätze könnten ihnen nur zum Spaß gegeben sein und wieder abgenommen werden. Ich aber freute mich, glückliche Menschen gemacht und mit zwei Eisenbeilen im Wert von zusammen M. 1,20 die Zukunft zweier hoffnungsvoller Knaben der Steinzeit begründet zu haben.

Etwas westlich vom Kaskadefluß werden die Berge höher und entsenden mehrere Flüsse (Breusing, Lindeman, Albrecht), die in dichtbewaldetem Vorlande münden, das in einer Länge von kaum acht Meilen ebensoviel, zum Teil große Siedelungen (bis zu 20 Häusern) zählt. Bei der westlichsten, Tagai, wurde, nicht weit vom Albrechtflusse, geankert. Es ist dies ein ansehnliches Gebirgswasser, mit viel Kasuarinen an den Ufern, das zur Anlage von Sägemühlen wie geschaffen scheint, besonders deshalb, weil sich hier bedeutende Bestände prächtiger Hochbäume finden, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht gesehen hatten.

Kaum war der Anker gefallen, so kamen die Eingeborenen ab in Kanus und sonderbaren Wasserkutschen, deren eigentliche Beschaffenheit sich von weitem nicht recht ausmachen ließ. Es schien, als sitze eine dunkle Gestalt im Wasser, bald bis an die Brust untertauchend, bald wieder auftauchend, aber stetig näher kommend. Da löste sich denn endlich das Rätsel und das Gefährt entpuppte sich, wie die Abbildung zeigt, als eins der denkbar einfachsten.

Auf Palmblättern in See.

Es bestand nämlich nur aus zusammengebundenen Palmblattstielen, auf denen sich je ein Knabe oder junger Bursche anderthalb Meilen weit in See wagte, nur um das dampfende Ungetüm zu sehen. Sachen irgend welcher Art ließen sich auf einem solchen Floß freilich nicht mitbringen, denn es ging mehr unter als über dem Wasser und schien höchstens für Schiffbrüchige empfehlenswert. Als Paddel diente ebenfalls ein Palmblattstiel. Die Kanus erwiesen sich übrigens als trefflich gebaute Fahrzeuge von eigentümlicher neuer Konstruktion. Sie hatten Seitenborde und zeichneten sich vorder- und hinterteils durch einen oft mit Schnitzerei verzierten Schnabelaufsatz (T. VII 3), einen gewaltigen Plattformaufbau (VI 2) und zwei sehr lange Querträger des Auslegergestelles aus. An jeder Seite der Plattform war ein hoher, schmaler Kasten aus Gitterwerk angebracht, der zugleich als Sitz diente, im Kriege aber eine gute Brustwehr abgeben mag. Einzelne Kanus waren sehr groß, an 30 bis 40 Fuß lang, und trugen etliche zwanzig Personen, wovon 14 allein auf der Plattform Platz fanden. Solche Fahrzeuge mit Mast und Segel schienen zugleich Kriegskanus in voller Ausrüstung, denn die Seitenkasten der Plattform waren mit Waffen gefüllt. Letztere bestanden fast nur in Bogen und Pfeilen, aber so schönen, sauber gearbeiteten und reich verzierten, wie ich sie in ähnlicher Weise sonst nirgends in Neu-Guinea traf. Die Pfeile (60 cm lang), wie gewöhnlich aus Rohr, mit äußerst kunstvollen, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Spitzen aus Holz oder Bambu, zeichneten sich durch einen feingeflochtenen Knauf aus, der mit aufgeklebten Federn und Coixkernen verziert war, ähnlich wie auf Guap. In vollem Einklange mit den Pfeilen standen die (1,70 Meter) langen Bogen, aus Holz der Betelpalme, mit Sehne von Rotang, die durch einen zierlich geflochtenen Knauf festgehalten wird. Sie sind mit fein eingraviertem Muster ornamentiert und haben Troddeln von dünnem Bindfadengeflecht mit daran befestigtem Federschmuck. In dem letzteren spielen Papageienfedern (Haubenfedern von Kakadus, Eclectus, zuweilen Köpfe der letzteren, wie von Lorius) die Hauptrolle, und darunter wiederum die prachtvollen, rot und schwarzen Federn von Dasyptilus Pequeti. Dieser sonst so seltene Papagei muß hier herum häufig vorkommen, denn seine Federn waren auch in Kopfputzen am meisten vertreten, außerdem die gelben Seitenbüschel vom Paradiesvogel. Von letzteren wurden auch Bälge, für die öfters lange Bamburöhre als Behälter dienten, von den Eingeborenen in größerer Anzahl als irgendwo vorher zum Tausch angeboten. Die Art ist der Paradisea minor aus West-Neu-Guinea nahe stehend, fiel mir aber gleich durch ihre Kleinheit auf und erwies sich später in der That als neu Paradisea Finschii. Wie geschickt Eingeborene allerlei Naturprodukte zu benutzen wissen, zeigte sich wiederum an diesen Vogelbälgen, die ohne eiserne Messer präpariert, natürlich sehr zerfetzt waren. Man hatte die Häute über eine Art Pflanzenmark gespannt und mit sehr spitzen Nadeln festgesteckt, die sich als Stacheln eines Landschnabeltieres (Echidna) erwiesen. Von anderen Paradiesvögeln sah ich hier zum erstenmale Federn des seltenen Xanthomelus aureus.

An sonstigem Schmuck und Zierat besaßen die Tagaiten im ganzen nicht viel: Halsketten aus Nassa mit Conusscheiben, schöne Brustringe aus Tridacna, Brustschilde aus Eberhauern (wie XXIII. 2), schmale Schildpattreifen mit Schnüren von Coix als Ohrringe und eigentümlichen Nasenschmuck aus Perlmutter (T. XX. 6). Haarkörbchen kamen hier nur vereinzelt vor, zuweilen mit einem Kranz aus Kasuarfedern verziert, aber im Haarwuchs selbst wurde Erstaunliches geleistet. Einzelne Männer schienen eine Alongeperücke aus der Zeit Louis XIII. zu tragen; es war aber alles eignes Haar, eine dichtverfilzte Masse, die 30 cm breit und 20 cm lang den ausrasierten Nacken deckte. Selbstredend durfte nichts unversucht bleiben, eine solche Monstreperücke zu sichern, und ich freue mich, das Bild des Trägers derselben noch in ungeschorenem Zustande geben zu können.

Haartracht eines Häuptlings von Tagai.

Es war ein stattlicher Kerl, mit wertvollem Muschelring als Halsschmuck und eigentümlicher Bemalung der Brust in Grau, die ich hier zuerst bemerkte. Im Haar trug er einen weit über die Stirn vorragenden, sogenannten Kamm, mit Haubenfedern der Krontaube (Goura) verziert, auf dem Scheitel zwei Seitenbüschel von Paradiesvögeln, wohl für lange Zeit zum letztenmal. Denn schon hielten mein Helfershelfer, der Steuermann, und ich die Waffen bereit, harmlos aussehende Scheren, die diese Eingeborenen ja noch nicht kannten, und ehe das Opfer noch recht ja oder nein sagen konnte, setzten wir an, und der seltene Schatz war für die Wissenschaft gerettet. Das Stück ziert jetzt das Berliner Museum, sofern es überhaupt zur Aufstellung gekommen ist. Als ich den Mann seine Veränderung im Spiegel betrachten ließ, machte er freilich ein verblüfftes und anscheinend nicht sehr erfreutes Gesicht, aber ich schenkte ihm den Spiegel und einiges andere dazu, unter der Versicherung, daß die Haare ja wohl wieder wachsen würden. Ich irre aber gewiß nicht, wenn ich eine derartige Perücke als Häuptlingsschmuck ansehe, denn unter fast ein paar Hundert Tagaiten, die uns in etlichen zwanzig Kanus umlagerten, trugen kaum mehr als ein halbes Dutzend solchen Haarwuchs. Die übrigen hatten gewöhnliches Papuahaar, in Form einer wolligen oder zottligen Kappe, und waren auch sonst echte Papuas, aber viele von ziemlich heller Färbung (wie Nr. 29 bei Broca). Hautkrankheiten zeigten sich nur wenig, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Die Männer trugen als Bekleidung die bekannten Tapastreifen, und auch bei Mädchen sah ich hier zum erstenmale Tapaschürzen statt der sonst üblichen Faserröckchen. Die Sprache war, wie fast überall, wo wir auf dieser Reise mit Eingeborenen verkehrten, verschieden von der vorher gehörten, das Betragen der Leute ein lobenswertes. Ohne Scheu kamen sie gleich an Bord, und ein Arbeiter-Werbeschiff hätte hier in der kürzesten Zeit ein wertvolles Cargo Rekruten mitnehmen können. Für alles wurde übrigens »Bodé« — Eisen, verlangt, wie dies immer der Fall ist, wenn Eingeborene solches erst kennen lernen. Außer wenigen Kokosnüssen, etwas Yams und Betel brachten sie nur zwei Hühner und ein Schwein (Bor), in dem Seite 327 dargestellten gefesselten Zustande. Es war leider ein junges und kaum des Schlachtens wert; nach vielen Verhandlungen holten die Leute dann noch ein zweites größeres. Man sieht daraus, daß es in Neu-Guinea mit Lebensmitteln des Landes in der Regel gar schlecht bestellt ist und man ohne eigenen Proviant verhungern könnte.