Gefesseltes Schwein.
Schon vom Kaskadefluß an machte sich weiter inland eine höhere Bergkette bemerkbar, die nach und nach bedeutender wurde und sich zu einem Gebirge entfaltete, das d'Urville nach dem großen, italienischen Physiker Torricelli benannte. Es bildet einen dichtbewaldeten, in seiner Kammlinie ziemlich einförmig verlaufenden Rücken und mag an oder über 3000 Fuß Höhe erreichen. Als wir in der Früh (14. Mai) von unserem Ankerplatz bei Tagai westlich dampften, trat dieses Gebirge besonders deutlich hervor mit einer sehr markierten Kuppe, der Langenburg-Spitze[78], wie sie die beigegebene Abbildung ([S. 329]) darstellt. Diese Bergspitze zeichnet sich durch ein paar kahle Stellen aus, die von Erdrutschen oder ähnlichen Erscheinungen herzurühren scheinen. Von Tagai verläuft der Ufersaum weiter West in einem breiteren, dicht bewaldeten Vorlande und scheint noch ca. drei Meilen ziemlich bewohnt, soweit sich dies aus einzelnen Häusern mit kleinen Palmgruppen schließen läßt.
»Bei Passier-Point sind ausgedehnte Lagunenriffe und mehrere kleine Inseln« sagt Powell in dem Vortrage[79] über seine Reise an dieser Küste (?). Ja wohl! auf den Karten ist hier sogar eine zwei Meilen lange und breite Landzunge oder ein Riff verzeichnet, nach welcher wir vergebens Ausguck hielten. Herr Powell wird daher wohl etwas weitab gewesen sein, denn sonst müßte er gesehen haben, daß Passier-Point überhaupt nicht existiert. Ein isolierter Bestand dunkler Kasuarinen, welcher plötzlich in den sonst herrschenden Laubwaldscharakter der Küste einsetzt, war höchstwahrscheinlich die Ursache, daß d'Urville hier eine Huk verzeichnete. Schiffe, welche wie die Astrolabe weiter von der Küste segeln, können durch solche Kasuarinenhaine leicht getäuscht werden, da dieselben sich wegen der dunklen Färbung schärfer als die übrige Küste markieren und von weitem wie vorspringende Felsenkaps aussehen. Bald zeigten sich kleine Inseln, die Sainson-Gruppe, von d'Urville aus Nord gesichtet, auf welche wir, immer der Küste folgend, zuhielten. Durch eine vollkommen rifffreie Straße, die Babelsbergstraße, lief der Dampfer in die schöne Lagune ein, welche von diesen Inseln gebildet wird. Im Osten derselben liegen Faraguet und Sainson, niedrige, dichtbewaldete Inseln, von denen nur die letztere an der Südseite Kokospalmen und drei Siedelungen besitzt, und die durch Riff verbunden, ein hufeisenförmiges Becken umschließen, das ich Berlinhafen benannte. An der Südwestspitze von Sainson und durch Riff verbunden, schließt ein Inselchen, Sanssouci, das Hufeisen. Es ist kaum eine Viertelmeile lang, besteht aber fast nur aus Kokospalmen und Häusern, deren Bewohner sich jedoch versteckt hielten, während von Sainson ein Segelkanu abzukommen versuchte. Ähnlich reich an Kokospalmen und Bevölkerung ist die Küste, welche ausgedehntes Waldvorland, dahinter niedrigere bewaldete Hügel- und Bergreihen zeigt. Dieses Kopragebiet, das einzige von einiger Bedeutung an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, scheint sich an zehn Meilen weit bis Lapar-Point hinzuziehen. Dieser letztere von d'Urville benannte Küstenpunkt ist nur ein dichtbewaldeter, etwas vorspringender Uferhügel, durch schwarze Felsen und Steine ausgezeichnet, welche sich bis Dudemain-Insel hinzuziehen und uns den direkten Weg westwärts zu versperren schienen. Wir versuchten also, den nach der Karte durch Riffe geschlossenen Durchgang zwischen Faraguet und Dudemain, fanden ihn aber glücklicherweise vollkommen frei (16 Faden und kein Grund!) und gelangten wieder einmal in klares dunkelgrünes Wasser. Dudemain mit dicht bewaldeten Korallfelsen erscheint wie eine hohe Insel; an der Südseite sind ein paar kleine Siedelungen, an der Nordseite ziemlich viel Kokospalmen.
Langenburg-Spitze, Torricelli-Gebirge.
Von Lapar-Point verläuft die Küste fast geradlinig nach W.-N.-W. bis zu einer sanftgerundeten Ecke, der Baudissin-Huk[80]. Auch dieser an 20 Meilen lange Strich, ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, von bewaldeten Hügeln begrenzt, hinter denen höhere Berge folgen, scheint sehr beachtenswert. Ich notierte vier Flüsse, (Arnold-, Joest-, Bastian- und Lagunenfluß), deren Mündungen indes wie bei fast allen vorhergehenden unzugänglich erschienen. Zwischen dem Joest- und Lagunenflusse gab es wieder ziemlich viel Kokospalmen, aber ich beobachtete nur wenig Siedelungen. Der Lagunenfluß ist der Ausfluß eines großen Wasserbeckens, das vom Mast aus wie ein ausgedehnter See erschien, mit einer bewaldeten Insel in der Mitte; auch Dörfer, Pfahlbauten, ließen sich mit bloßem Auge im Wasser erkennen. Gewiß eine sehr interessante Gegend und der Untersuchung wert, für die wir leider keine Zeit hatten. Diese Lagune dehnte sich scheinbar bis zu einer Hügelkette aus, hinter welcher weiter inland wohl an 3000 Fuß hohe Kuppen vorragten.
Mit dem Lagunenflusse beginnen wieder einmal Kasuarinen das Ufer zu säumen, welche, im Gegensatze zu Kokospalmen, fast ausnahmslos das Fehlen von Menschen andeuten. Ich bedauerte dies nicht im mindesten, als wir am Abend ca. fünf Meilen West von dem Flusse zu Anker gingen, denn eine ruhige Nacht that mir nach den Anstrengungen der vorhergehenden Tage mehr als je not. Den ganzen Tag Notizen zu machen und zwischendurch mit den Eingeborenen zu verkehren, um Sachen einzutauschen, ist ein gar hartes Stück Arbeit, denn schon die Zeichensprache ist ermüdend und erfordert mehr geistige Anstrengung als irgend eine andere, und vor allem Geduld, die Geduld eines Engels. Wie oft merkt man nicht heraus, daß die Eingeborenen sehr gut begreifen, was man will, sich aber nur absichtlich dumm stellen, wie ein Beispiel aus dem Verkehrsleben mit ihnen am besten zeigen wird. Zahlreiche Kanus mit Eingeborenen lagern um den Dampfer und fischen die roten Lappen auf, die zunächst als Köder über Bord geworfen werden. Aber sie haben nichts Rechtes; schlechte Speere, alte geflickte Tragbeutel, verschlissene Grasarmbänder, ein paar schlechte Muscheln und ähnlichen Plunder. Das Gute, die feinen Sachen, sind noch versteckt, denn es ist erstaunenswert, was so ein spärlich bekleideter, nach unseren Begriffen nackter Mensch alles an seinem Körper verbergen kann. Wie ich wohl weiß, liegen aber die besten Sachen in Blätter und Tapastreifen eingepackt, unsichtbar für uns, am Boden des Kanu. Um wenigstens mit dem Handel zu beginnen, fange ich an Plunder zu kaufen; aber die Eingeborenen wollen gegen rotes Zeug, Glasperlen und dergleichen nicht recht etwas hergeben. Mein Kennerblick hat die ganze Gesellschaft gemustert; nur einer unter ihnen trägt als begehrenswert einen hübschen Ring, aus Muschel gearbeitet, an einem Strickchen um den Hals. Wohlgefällig ruht mein Auge auf diesem Schmucke, ich deute durch Zeichen an, ihn zu kaufen. Aber der Eingeborene hat ebenfalls begriffen, was mich reizt, und als mein einen Moment abgewandter Blick den Träger sucht, findet er ihn nicht mehr. Er ist verschwunden! nämlich der Schmuck; zuerst auf den Rücken gedreht, dann abgebunden und im Kanu verborgen. Vergebens suche ich klar zu machen, was ich wieder haben will. Man versteht mich sehr gut, aber der Mann, der das kostbare Stück überhaupt nicht verkaufen will, stellt sich dumm und zeigt allerlei Dinge, nur nicht das Gewünschte. — Das ist eine kleine Probe im Geduldsspiel »Schacher mit Eingeborenen«, dessen Früchte später, wenn alles gut geht, unsere Museen zieren. Ja, ja, man sieht es den oft sehr bescheidenen Dingen nicht an, welche Mühe ihre Erwerbung kostete; alles im »Dienste der Wissenschaft«, aber im Schweiße des Angesichts errungen und erschachert.
Ist man endlich die Eingeborenen glücklich los, dann bleibt noch die nötigste Arbeit, die erhaltenen Stücke mit dem Fundort zu bezeichnen und — last not least — das Gesehene und Erlebte selbst ins Tagebuch zu schreiben. Das hat mir manche Nachtstunde gekostet und geht auf rollendem Schiffe nicht so bequem als daheim im Studierzimmer. Freilich meinen die Herren des letzteren gar häufig, daß ethnologisches Sammeln reines Kinderspiel sei, aber da haben sie wohl nicht selbst praktische Erfahrungen gemacht, denn es kauft sich nicht so leicht wie auf einem Bazar bei uns. Eine so anstrengende Lebensweise stellt, im Verein mit der Hitze, welche meist einen Teil der Nachtruhe raubt, bedeutende körperliche Anforderungen, die das ewige Einerlei der Schiffskost mit Konserven und immer wieder Konserven nicht befriedigen kann. Ein tüchtiger Koch vermag freilich viel, aber das war der unsere nicht, mit dem überhaupt sehr zart umgegangen werden mußte. Schon am dritten Tage der Abreise machte er mich darauf aufmerksam, daß alles Wasser an Bord vergiftet sei. Das ließ keinen Zweifel, daß wir es mit einem Verrückten zu thun hatten. In der That stellte sich immer mehr heraus, daß der Mann an Verfolgungswahnsinn litt, und ein solches Mitglied an Bord zu haben, ist eben nichts Angenehmes.
Mit gewohnter Pünktlichkeit wurde am anderen Morgen (15. Mai) aufgebrochen, und kaum hatten wir Baudissin-Huk passiert, so zeigte sich wieder weithin trüb lehmfarbenes Wasser voraus. Es wird durch den Goßler erzeugt, einen ansehnlichen, aber ebenfalls durch Barre versperrten Fluß, dessen Mündung wir bald darauf erblickten. Der weiße, scharf abgesetzte Schaumstreif, welchen die Kabbelung dieser Flußauswässerung hervorbringt, mag im Verein mit den hellgefärbten Felsen der Uferbasis der darauf folgenden Küste die Veranlassung gewesen sein, daß d'Urville ein ausgedehntes Riff vor sich zu sehen glaubte. In Wirklichkeit existiert das 12 Meilen lange Karan-Riff der Karten aber nicht. Diese ganze Küste zeichnete sich übrigens durch intensive Einförmigkeit, ja Langeweile aus; überall dieselben niedrigen, eintönig dunkelgrünen Hügelketten, die wie mit einer einzigen Laubholzart bewaldet scheinen, keine Kokospalmen und damit keine Menschen. Erst viel weiter westlich, nachdem wir noch eine Flußmündung (des Thorspecken) passiert hatten, zeigten sich wieder Palmen und damit Eingeborene, obwohl sich von ihren Siedelungen nichts bemerken ließ. Sie mochten im Dickicht des Urwaldes verborgen sein, aber jedenfalls kamen Kanus ab und zwar eine ganze Anzahl, so daß gestoppt wurde. Diese Fahrzeuge unterschieden sich im wesentlichen von den gestern gesehenen durch den Mangel eines Schnabelaufsatzes und einer erhöhten Plattform, waren kleiner, aber eigentümlich durch aufgebundene Randleisten und Bemalung der Seiten (vergl. T. VII 1). Einzelne Kanus führten auch Segel[81] und als Verzierung der Mastspitze einen Büschel Kasuarfedern.