Hülfe umgesehen, aber Einer habe gesagt: der Proceß sei nicht zu gewinnen, ein Andrer: er werde zu viel kosten, ein Dritter endlich: er wolle es dem Gerst nicht zu Leide thun. — Ja. Herrendienst geht bei den Kindern dieser Welt allezeit über Gottesdienst, und sie drücken die Verlassenen, weil sie nicht glauben an den Vater der Waisen und an den Richter der Wittwen.
Bei solchen Unterredungen ward manch' schönes Trostwort von den guten Förstersleuten gesprochen. »Man soll Gott nicht vorgreifen wollen«, sagten sie, »seine Gedanken seien nicht unsere Gedanken, und seine Wege nicht unsere Wege; und wen er warten lasse auf ein Glück, dem wolle er es doppelt süß machen; sein Rath sei wunderbar, aber er führe Alles herrlich hinaus!«
Wenn die Alten so sprachen, und die trüben Augen der Dorothe ob der freundlichen Rede vom Glanz der Hoffnung prahlten, dann saß Konrad schweigend da, und schüttelte nur mit dem Kopfe; denn er konnte die Hoffnung der Aeltern nicht theilen. Er hatte mit dem Gerst Jahre lang auf der Universität zugebracht, und kannte ihn genau. Er wußte, daß er zu den bösen Buben gehörte, die viel Gutes verderben, und daß er sich in Fressen und Saufen, in Kammern und Unzucht, in Hader und Neid umhergetrieben habe. Auch manche verführte Seele hatte der Unglücksmensch auf dem Gewissen, und hatte sie nicht eher aus den Klauen gelassen, bis er ein Kind des Satans aus ihr gemacht. Wenn er dann in's reine Angesicht des Mägdleins schaute, in's Auge so blau und klar und schuldlos, wenn er seine Stimme hörte, so mild und fromm, dann ergriff ein inniges Mitleid ihn. Und das Mitleid ward zum Wunsche, dieser verlassenen Unschuld ein Tröster und Schützer zu werden, und aus dem Wunsche ward die
Liebe geboren, die Liebe zu dem geliebten Weib, die unser Herr so schön schildert in den Worten: »Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hängen, und werden die zwei Ein Fleisch sein.« Aber kein Wort von dieser stillen Neigung kam über seine Lippen; denn Konrad war ein sittiger Jüngling, und ehrte des Mägdleins Jugend und Sorge, und hielt der Aeltern Rath und Stimme gar hoch.
Nach einigen Wochen konnte Dorothe's Mutter das Bett verlassen, und auf ihrer Tochter Arm gestützt, freute sie sich wieder des warmen Sonnenscheins und der frischen Luft, die über die Berge hinzog. So waren sie einst auf dem grünen Waldweg hingegangen, der hinab nach Braubach führt, und der Mutter Herz hob sich in Dank und Preis gegen Gott, und ihr Ohr lauschte dem frommen, heiteren Gespräch der guten Tochter. Wie die Jugend denkt, heiter und sorglos, so dachte auch Dorothe, und malte der Mutter eine gar frohe Zukunft. Wie sie so fleißig sein, und für die Mutter arbeiten wolle, wenn sie wieder daheim seien; wie der liebe Gott Mittel und Wege genug finden werde, ihnen ihr täglich Brod zu geben, wie vielleicht auch die Erbschaft ihnen noch zufallen könne, denn es seien ja schon größere Dinge möglich geworden; davon sprach Dorothe, und ward immer heiterer, und auch über der Mutter Angesicht breitete sich eine leichte Heiterkeit.
Da kam von Braubach herauf ein Mann auf die Frauen zu, und wie er näher kam, erkannten beide in ihm den Advokaten Gerst. Die Mutter erschrack bei seinem Anblick, und wollte einen Seitenweg einschlagen, aber der Gerst trat ihr in den Weg und sprach, indem er sein Gesicht zu einem wohlwollenden Lächeln zusam
menzog: »Weichet mir nicht aus, gute Frau Kunz, und höret einmal auf, so böse von mir zu denken, wie ihr bisher gethan. Ich meine es gut mit euch, und hab' mich täglich nach eurem Befinden erkundigt, da ihr im Jägerhaus krank laget. Jetzt, wo ihr auf dem Wege der Besserung seid, laßt mich euch noch einmal meine geringen Dienste anbieten. Willigt ihr in den Lohn, den ich mir bedungen habe, so ist die Erbschaft binnen Jahresfrist in euren Händen. Besinnt euch nicht lange, und nehmt das Gewisse für das Ungewisse. Denn verschmäht ihr mich, so ist eure Sache verloren.«
»Die ist ohnehin verloren«, sprach mit mühesamer Fassung die Frau; »sparet darum die Mühe. Wären die Papiere, auf die es ankommt, noch in meinen Händen, so könnte mir auch ein Andrer helfen, der es ehrlicher meinte, denn ihr. Versucht mich nicht mehr mir euren Reden und Versprechungen. Meinen Entschluß wißt ihr, und in meinem Herzen habe ich die Hoffnung auf das Geld niedergekämpft, und Gott wird mich auch diesen Verlust tragen lassen. Geht also und quält mich nicht.« Da trat der Gerst schnell auf die Frau zu und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr und die Frau taumelte zurück, und hielt sich, einer Ohnmacht nahe, an einem Baume fest. »Wie nun«, rief der Advokat mit lauerndem Blick, »wie nun, Frau Kunz, ist sie jetzt bereit, meinen Willen zu thun?« Da sah ihn die Frau Kunz mit einem Blicke tiefer Verachtung an und rief mit starker Stimme: »Nein, auch jetzt nicht. Geh', du Ungeheuer, jetzt erst kenne ich dich ganz! Thue, was du nicht lassen kannst; bestiehl Wittwen und Waisen, aber verlange nicht, daß sie ihre Seligkeit dir verkaufen. Glaubst du nicht an Gott und an's künftige Gericht, so
laß' mich doch daran glauben, und verlange nicht, daß ich vom Herrn weiche, um Ehr' und Geld zu gewinnen!« Damit zog sie schnell ihre Dorothe hinter sich her und sank bewußtlos auf ihr Krankenlager.
Und das Krankenlager sollte nach Gottes Willen ihr Sterbebette werden. Die Unterredung mit dem bösen Gerst hatte ihre Krankheit wieder zurückgerufen; sie brach in neuer Heftigkeit aus. Wieder folgten Nächte der Angst auf Tage der Sorge, wieder wachte Dorothe am Lager der Mutter, still und hoffend. Aber der Herr hatte es anders beschlossen.